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Full Text: Zeitschrift für Volkskunde, 85.1989

Alltagskultur-Dokumentation durch das Volkskundemuseum 
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Volkskunde als Sozialgeschichte regionaler Kultur die permanente Herausforde 
rung für eine überbetont politisch-dynastisch, nach Oberschichten ausgerichtete 
Geschichtswissenschaft, nämlich die kulturelle und soziale Lebenswelt der mittle 
ren und unteren Sozialgeschichten nicht zu vernachlässigen und in ihrer Eigenwer 
tigkeit und in ihrem spezifischen Stellenwert für ein größeres Ganzes gebührend zu 
würdigen. 6 Andererseits stellt die Geschichtswissenschaft auch stets eine Heraus 
forderung für die Volkskunde dar, das Forschungsfeld nicht vorrangig oder aus 
schließlich nur auf die unteren und mittleren Sozialschichten zu begrenzen; denn 
im Verlauf der Geschichte der Disziplin Volkskunde hat es sich als ein verhängnis 
voller Irrweg herausgestellt, die kulturellen und sozialen Leistungen der mittleren 
und unteren Bevölkerungsgruppen analysieren zu wollen, ohne die der Ober 
schichten zu kennen und deren Äußerungen in eine Gesamtbetrachtung einzube 
ziehen. 7 
Eine eindeutige Abgrenzung der beiden Disziplinen Geschichte und Volkskun 
de ist allerdings nicht möglich, denn oftmals läßt sich nicht genau festlegen, ob es 
sich in dem einen oder anderen Fall der umfassenden wissenschaftlichen Analyse 
überwiegend um eine rein historische oder mehr um eine volkskundlich 
historische Vorgehensweise handelt. Dies bedeutet nicht mehr und nicht weniger, 
als daß Volkskundler und Historiker Verbündete in der Wissenschaft sind und da 
her miteinander wetteifern im Bemühen um die optimale Erforschung der Ge 
schichte der Bevölkerung. Hätte die Geschichtswissenschaft von Anbeginn an alle 
Themen der Geschichte - auch die der Sozial- und Kulturgeschichte der Gesamt 
bevölkerung, des „Volkes“ — als gleichrangig anerkannt und dokumentiert, hätte 
es einer Volkskunde nicht bedurft. Jetzt ist und bleibt die Volkskunde - und das 
volkskundlich orientierte Museum — Mahnerin und Verfechterin des Anspruchs, 
auch dem „Volk“, der Gesamtbevölkerung, eine eigene Geschichte zuzuerkennen. 
Da das Hauptgebiet volkskundlicher Dokumentation nicht die Erforschung der 
künstlerischen und kulturellen Leistungen der adeligen, geistlichen und bürgerli 
chen Oberschichten ist, sondern die der breiten Mittel- und Unterschichten in 
Stadt und Land, grenzt sich der Aufgabenkanon der Volkskunde an Universitäten 
und Museen merklich gegenüber dem der Kunstgeschichtswissenschaft ab. Falsch 
allerdings wäre folgende Formulierung: Da sich die Volkskunde der Kunst und 
Kultur des sogenannten Volkes verpflichtet wisse, sei sie in Abgrenzung zur Kunst 
geschichtswissenschaft als eine „Volkskunst-Geschichtswissenschaft“ zu definie 
ren. Dies wäre der historischen Disziplin Volkskunde zu wenig, denn sie richtet ihr 
Augenmerk nicht nur auf die künstlerisch-kreativen Äußerungen der Bevölke- 
rung, sondern eben auf alles Gruppenspezifische und Regionaltypische, Kulturel 
le, Soziale und Wirtschaftliche in Stadt und Land. 
Ruth-E. Mohrmann: Regionale Kultur und Alltagsgeschichte. Möglichkeiten, Grenzen und Aufga 
ben der Volkskunde; in: Konrad Köstlin (Hrsg.): Historische Methode und regionale Kultur, Ber- 
lin/Vilseck 1987, S. 53 ff. 
Helmut Ottenjann: Landesgeschichte und Volkskunde; in: Niedersächsisches Jahrbuch Bd. 57, Hil 
desheim 1985, S. 55 ff.