Johanna Rohhoven
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begegnen wir gleichsam mythischen Elementen, die in literarischen Quellen weit
zurück verfolgt werden können. Hier soll nicht bis zu den Römern vorgerückt
werden, wie die Kulturgeschichtsschreibung dies gerne tut - gerade beim Wein
sind sie eine dankbare historische Verankerung. Kaum mehr als ins 19. Jahrhundert
soll zurückgeschaut werden, in die deutsche Romantik, welche die dionysische
Trunkenheit rühmt. Dieses ekstatisch überhöhte Motiv war in literarisch-philoso
phischen Kreisen weit verbreitet, seine Spuren lassen sich noch in den Werken von
Nietzsche oder Heidegger finden (also bis in die modernen Gedanken der
Jahrhundertwende hinein). Berühmter sind jedoch Charles Baudelaires Wein
elogen aus dem französischen Fin-de-Siècle: „Profondes joies du vin, qui ne vous a
connues? Quiconque a eu un remords à apaiser, un souvenir à évoquer, une douleur
à noyer, un château en Espagne à bâtir, tous enfin vous ont invoqués, dieu mysté
rieux caché dans les fibres de la vigne. Qu’ils sont grands les spectacles du vin, illu
minés par le soleil intérieur!“ * 34
In der Romantik wie im Fin-de-siècle des 19. Jahrhunderts wird der Wein
rausch in seiner Wirkung als Intuitionsverstärkung und Erkenntniserweiterung des
aufgeklärten Geistes gerühmt. Er ermögliche es dem durch die Zivilisation verstell
ten Menschen, sein wahres Gesicht und seinen wahren menschlichen Charakter zu
zeigen. Der Wein befreie den Geist, gewähre die Gabe des Wortes und mache so
kommunikativ und gesellig. Für den Bürger, im Gegensatz zum Künstler, zum
Poeten, sind es allerdings die kontrollierte Ekstase und Verzückung, die mit Maß
und Redlichkeit einhergehen und künftig die Prinzipien des Weinkonsums bestim
men sollten.
Die Enzyklopädien als Bibeln des Bildungsbürgertums haben solches Wissen in
sich aufgenommen und verbreitet. Aus Meyers Konversationslexikon, das in einer
Ausgabe aus dem Jahre 1890 zwischen dem Rausch infolge mäßigen und dem
infolge übermäßigen Weinkonsums unterscheidet, sei daher eine längere Passage
zitiert.
„Der Weingenuß belebt vorherrschend die Phantasie. Die Steigerung derselben Kraft, wel
che Bilder erzeugt, hat eine Erleichterung der Ideenassoziation und eine Schärfung des
Gedächtnisses zur Folge. Auch die Sinne werden in ihrer Thätigkeit gefördert, die Ein
drücke werden schnell und klar wahrgenommen, und das Urteil wird leichter gebildet. Alle
willkürlichen Muskelbewegungen erfolgen leicht, die Stimme wird voller und kräftiger,
Müdigkeit und Abspannung verschwinden, und es entsteht ein Gefühl von Wohlbehagen
und Lust, das auch die geistigen Verstimmungen von Sorge, Gram und Furcht, verscheucht
[...].
Nach Cabanis sind die Menschen in den Weinländern im allgemeinen heiterer, geistreicher
und geselliger; sie haben mehr Offenheit und Zuvorkommenheit in ihrem Betragen. Zum
Streit brausen sie leicht auf, aber sie tragen selten nach, wenn sie geärgert werden, und ihre
Rache ist nicht tückisch. Infolge seines Alkoholgehaltes teilt der Wein die physiologischen
zu Stand und Aufgaben volkskundlich-historischer Alkoholforschung der Neuzeit. In: Rhei
nisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 39/1994, S. 87-127; hier S. 97.
34 Charles Baudelaire: Le vin (1851). In: ders.: Les paradis artificiels. Paris 1965 [1860], S. 31.