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Volltext: Zeitschrift für Volkskunde, 96.2000

Johanna Rohhoven 
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begegnen wir gleichsam mythischen Elementen, die in literarischen Quellen weit 
zurück verfolgt werden können. Hier soll nicht bis zu den Römern vorgerückt 
werden, wie die Kulturgeschichtsschreibung dies gerne tut - gerade beim Wein 
sind sie eine dankbare historische Verankerung. Kaum mehr als ins 19. Jahrhundert 
soll zurückgeschaut werden, in die deutsche Romantik, welche die dionysische 
Trunkenheit rühmt. Dieses ekstatisch überhöhte Motiv war in literarisch-philoso 
phischen Kreisen weit verbreitet, seine Spuren lassen sich noch in den Werken von 
Nietzsche oder Heidegger finden (also bis in die modernen Gedanken der 
Jahrhundertwende hinein). Berühmter sind jedoch Charles Baudelaires Wein 
elogen aus dem französischen Fin-de-Siècle: „Profondes joies du vin, qui ne vous a 
connues? Quiconque a eu un remords à apaiser, un souvenir à évoquer, une douleur 
à noyer, un château en Espagne à bâtir, tous enfin vous ont invoqués, dieu mysté 
rieux caché dans les fibres de la vigne. Qu’ils sont grands les spectacles du vin, illu 
minés par le soleil intérieur!“ * 34 
In der Romantik wie im Fin-de-siècle des 19. Jahrhunderts wird der Wein 
rausch in seiner Wirkung als Intuitionsverstärkung und Erkenntniserweiterung des 
aufgeklärten Geistes gerühmt. Er ermögliche es dem durch die Zivilisation verstell 
ten Menschen, sein wahres Gesicht und seinen wahren menschlichen Charakter zu 
zeigen. Der Wein befreie den Geist, gewähre die Gabe des Wortes und mache so 
kommunikativ und gesellig. Für den Bürger, im Gegensatz zum Künstler, zum 
Poeten, sind es allerdings die kontrollierte Ekstase und Verzückung, die mit Maß 
und Redlichkeit einhergehen und künftig die Prinzipien des Weinkonsums bestim 
men sollten. 
Die Enzyklopädien als Bibeln des Bildungsbürgertums haben solches Wissen in 
sich aufgenommen und verbreitet. Aus Meyers Konversationslexikon, das in einer 
Ausgabe aus dem Jahre 1890 zwischen dem Rausch infolge mäßigen und dem 
infolge übermäßigen Weinkonsums unterscheidet, sei daher eine längere Passage 
zitiert. 
„Der Weingenuß belebt vorherrschend die Phantasie. Die Steigerung derselben Kraft, wel 
che Bilder erzeugt, hat eine Erleichterung der Ideenassoziation und eine Schärfung des 
Gedächtnisses zur Folge. Auch die Sinne werden in ihrer Thätigkeit gefördert, die Ein 
drücke werden schnell und klar wahrgenommen, und das Urteil wird leichter gebildet. Alle 
willkürlichen Muskelbewegungen erfolgen leicht, die Stimme wird voller und kräftiger, 
Müdigkeit und Abspannung verschwinden, und es entsteht ein Gefühl von Wohlbehagen 
und Lust, das auch die geistigen Verstimmungen von Sorge, Gram und Furcht, verscheucht 
[...]. 
Nach Cabanis sind die Menschen in den Weinländern im allgemeinen heiterer, geistreicher 
und geselliger; sie haben mehr Offenheit und Zuvorkommenheit in ihrem Betragen. Zum 
Streit brausen sie leicht auf, aber sie tragen selten nach, wenn sie geärgert werden, und ihre 
Rache ist nicht tückisch. Infolge seines Alkoholgehaltes teilt der Wein die physiologischen 
zu Stand und Aufgaben volkskundlich-historischer Alkoholforschung der Neuzeit. In: Rhei 
nisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 39/1994, S. 87-127; hier S. 97. 
34 Charles Baudelaire: Le vin (1851). In: ders.: Les paradis artificiels. Paris 1965 [1860], S. 31.
	        
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