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Volltext: Zeitschrift für Volkskunde, 108.2012

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Buchbesprechungen 
17.3.2012): Genauso wie die Schönwerth’schen Märchen im Regensburger Archiv ge 
darbt hätten, bis Erika Eichenseer sie entdeckte, so hätten diese Märchen auch interna 
tional weiter geschlummert, wenn nicht Medien und eine Persönlichkeit wie Tatar sich 
ihrer angenommen hätten. Die angloamerikanische Märchenrezeption mit ihren wis 
senschaftlichen Stars hat auch ihre einschlägigen Interessen: hier etwa Fragen nach Un 
terschieden zwischen den Märchen Schönwerths und denjenigen der Grimms, die Su 
che nach Hinweisen zur Einseitigkeit Grimmscher Märchenherausgaben und die Er 
weiterung des Bildes von Märchenakteur/-innen und damit der Projektionsfläche Mär 
chen, wie sie aus Tatars brillant formuliertem Beitrag im New Yorker sprechen. 
Dies sind aber weder die Hauptinteressen von Erika Eichenseer noch diejenigen der 
deutschsprachigen Erzählforschung, die sich heute mit einem viel breiteren Erzählspek 
trum als dem Märchen in seiner kommunikativen Einbettung und Performanz beschäf 
tigt. In der enormen Breite von Erzählsammlungen, in welcher zwar auch im deutsch 
sprachigen Raum die KHM eine Vormachtstellung halten, werden Märchen aus der 
Oberpfalz vorerst wohl lokal rezipiert und analog zu anderen regionalen Literaturen im 
dichten Dschungel erzählter Unterhaltung räumlich assoziiert und nicht am Standard 
Grimm oder Perrault gemessen werden. Fachlich gesehen interessieren in historischen 
Materialien weniger die Textinhalte. Vielmehr sind es Fragen nach der Rolle des Sam 
melns von „Volksgut“ in Bezug auf regionale und nationale Identitätsbildung, die Ver- 
ortung von meist gebildeten Sammlern und Sammlerinnen in Wissenschaft und/oder 
Gesellschaft und deren Netzwerke. So ist es z. B. für die deutschsprachige Forschung 
wesentlich, um Schönwerths Position im Dienste des Kronprinzen und späteren Königs 
Maximilian II. von Bayern zu wissen und wahrzunehmen, dass sowohl seine potenziel 
len Gewährspersonen wie auch seine „gebildeten Zeitgenossen“ wenig Verständnis, z. T. 
sogar eher Ablehnung und Skepsis zeigten für seine Dokumentationsbemühungen. We 
sentlich ist auch zu wissen, dass er nicht alleine sammelte, sondern auch an andere dele 
gierte. Entgegen der anglo-amerikanischen Einschätzung beschäftigen sich deutschspra 
chige Interessenten also durchaus mit Schönwerth, wovon die Gründung der von- 
Schönwerth-Gesellschaft und das Symposium zu seinem 200. Geburtstag (inklusive 
dessen Publikation) aktuelles Zeugnis ablegen. 
Der Titel einer Ausstellung des Lehrstuhls Didaktik der deutschen Sprache und Li 
teratur der Universität Regensburg 2011, „Märchen - Erzählen, Forschen, Pflegen“, an 
lässlich der Wahl von Prinz Roßzwifl zum Buch des Monats Februar der Märchenstif 
tung Walter Kahn verdeutlicht die komplexe Verortung des ebenso komplexen Erbes 
Märchen im deutschsprachigen Europa: politischer Katalysator der Romantik, Sammel 
gut einer sich der Konservierung verschwindender kulturellen Eigenheit widmenden In 
telligenz, kulturelles Kapital des Bürgertums, Gefäß und Spiegel menschlicher Herkunft 
und psychologischer Deutung, Unterhaltungsformat - adaptiert in jedes nur denkbare 
Kommunikationsmedium. 
Vordergründig ist in der deutschen Entfaltung dieser Geschichte nicht ein spektaku 
lärer Fund von teilweise nicht publizierten Märchen wichtig, sondern das systematische 
Bemühen von Erika Eichenseer, einerseits Schönwerth als „größten, jedoch noch weit 
gehend unbekannten Volkskundler, Märchen- und Sagensammler der Oberpfalz“ zur 
Bedeutung zu verhelfen und andererseits mittels seiner Materialien auch Einblicke in 
die Oberpfalz des 19. Jahrhunderts zu vermitteln. Geboren 1932, zeigt Eichenseers Le 
benslaufbreitestes Engagement auch als begeisterte und nachhaltig wirkende Erzählerin 
in den unterschiedlichsten Settings. Schon zu Schönwerths 100. Todestag 1986 hatte 
sie ein erstes Leseheft redigiert, zum 200. Geburtstag dann ein zweites, und in ihren 
Auftritten als Erzählerin hatte Schönwerth stets einen zentralen Platz.
	        
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