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Volltext: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 7.1961

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Herbert Zschelletzschky 
Und noch einmal kehrt das Motiv der gefesselten Gerechtigkeit wieder: diesmal 
auf Dürers Holzschnittfries Der Teppich von Michelfeld 47 ), der, wie wir sahen, 
dem Sebald Beham und damit sicher auch seinem Bruder Barthel bekannt gewesen 
ist. Wie auf dem Sachs-Bilderbogen erblicken wir die „Gerechtigkait“ in den Block 
gespannt: diesmal durch die „betrügnüs“, den ungerechten Richter, inhaftiert und 
ihres Schwertes überhaupt beraubt und in Gemeinschaft mit den beiden anderen sitt 
lichen Prinzipien Vernunft und Wahrheit. Und wie auf Barthel Behams Blatt von der 
Welt Lauf begegnen wir — als für unsere Untersuchung bemerkenswertestem Fakt — 
der Tierfigur des Fuchses. Auch hier sehen wir — jetzt als den Gegenspieler der 
„Jungfrau Zeit“, die das mit „lauter Raubvögeln und Schädlingen der Vogelwelt“ 
als vielfältigem Ausdruck der Schädlinge der Gesellschaft besetzte Lebensrad nicht 
mehr drehen mag, „als habe sie es satt, ihre als unsinnig durchschaute Arbeit weiter 
fortzusetzen,... weil sie eingesehen hat, daß eine Welt, worin Vernunft, Gerechtigkeit 
und Wahrheit vergewaltigt werden, nicht mehr verdient, daß sie sich weiterdreht“ — 
den Fuchs als „böses Weltprinzip“ am negativen Werk: bei dem wütenden Bemühen, 
den bösen Lauf der Welt, das Zeitrad, weiterzutreiben und in Schwung zu halten. 
Es ist kein Zufall, daß sich zu Barthel Behams Darstellung der schlafenden und in 
Ketten geschlagenen Gerechtigkeit in ihrer zeitlichen Umgebung thematisch ver 
wandte Allegorien finden. Vielmehr bezeugt dies, daß der Künstler mit seinem 
Bildvorwurf einen für seine Zeit typischen Stoff aufgegriffen hat, der aus dem un 
glücklichen Ausgang des Bauernkrieges seine erhöhte Aktualität erhält und in der 
geheimen Spannung des Bildes die großen politischen Spannungen der von antago 
nistischen Widersprüchen erfüllten Zeit widerspiegelt. Diese geheime Spannung er 
gibt sich aus den gegeneinanderwirkenden Schrägen des Bildes: der sinkenden Dia 
gonale der schlafenden Gestalten, der ansteigenden Silhouette der Stadtansicht im 
Hintergrund, der aktiven Gegenbewegung des enteilenden Fuchses, der blitzenden 
Gegenschräge des Schwertes. Und sie entsteht weiter aus dem noch im Schlaf schmerz 
lich angestrengten Gesicht der Frau, aus der Haltung des Weibes, die nicht einen 
geruhsamen Schlummer verrät, sondern im erschöpften Anlehnen des nackten Ober 
körpers an den dunklen Baumstamm am Bildrand noch ein Widerstreben, ein Sich- 
haltenwollen spürbar werden läßt. Mit dem Gefühl der Enttäuschung über der Welt 
Lauf ringen Parteinahme des Künstlers für den in diesem Bilde nicht sichtbar werden 
den verratenen und entrechteten Hauptakteur des großen Bauernaufstandes und bitte 
rer Zorn über dessen Schicksal. Sie erhöhen den Inhalt des kleinen Kupferstiches, 
der trotz seiner geringen äußeren Ausmaße in der kraftvollen Gestalt des ins Eisen 
geschlossenen Weibes einen Anspruch auf Monumentalität erhebt, zu einem bild 
mäßigen Denkmal des tapferen revolutionären Streiters für Recht und Freiheit, für 
die von Thomas Münzer verkündete bessere Weltordnung — zu einem Denkmal, das 
wir mit Fug in die Nähe jenes Holzschnittes setzen dürfen, mit dem Albrecht Dürer in 
heißem Mitgefühl eine Gedächtsnissäule für den Geschlagenen des Bauernkrieges 
entworfen hat. 7 
i7 ) Vgl. hierfür den schon mehrfach erwähnten Aufsatz Wilhelm Fraengcrs: Der Teppich 
von Michelfeld, besonders auf den Seiten i9if., 196, 198. Die Zitate nach W. Fraenger.
	        
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