Buchbesprechungen
284
der es als wichtiges Verbindungsglied zu weitgehenden Folgerungen nutzte.
Sieber vertritt die Auffassung, daß die bekannten Verbote für die Diözese Prag
von 1366 an eine neue, aus bestimmten Zeitumständen, als Reaktionserschei
nung auf die vorausgegangenen Pestnöte entstandene Brauchform betrafen, und
wie er dazu nun in seinem Buch noch ausführlicher argumentiert, kann fraglos
überzeugen. Daß sich situationsbedingt „vorstrukturelle Brauchelemente zu einer
Brauchstruktur fügen“ konnten, wie er formuliert, ist gerade für das Spätmittel
alter auch an anderen Beispielen zu erweisen. Im weiteren läßt Siebers Darstel
lung nun gut erkennen, wie sich der Brauchkomplex stoßweise, in Etappen ent
wickelte und verbreitete, und die umsichtig detaillierenden Kapitel über Funk
tion, Trägerschichten, Formen des Brauchvollzugs und im besonderen des domi
nierenden Brauchrequisits, zeigen, wie vielfältig er sich dabei von einer frühen
ethnischen Differenzierung an wandelte. Als brauchgeschichtlich hochbedeutsam
ist die Koppelung zweier Brauchtypen, des (schon weithin zum Heischebrauch
der Jugend umgebildeten) Todaustragens mit dem Sommergewinnen - Sommer
singen, eingehend behandelt. Der Verfasser findet sie spätestens 1545 vollzogen,
dokumentiert in jenem bekannten, zum Papstaustreiben aktualisierten Brauch
lied aus Joachimsthal, das Martin Luther von Johannes Mathesius erhalten hatte
und dann edierte, wozu hier noch allerlei Neues mitgeteilt ist. Unter dem Bezug
auf die Reformation als geistigen Sommer konnte sich die Brauchverbindung in
evangelischen Gebieten weiter verbreiten. Zur Frage eines Zusammenhangs zwi
schen Joachimsthal und dem südwestdeutschen Raum des Odenwalds, für den
ein „Sommerholen“ 1520, 1537 und 1546 archivalisch bezeugt ist, nimmt der
Verfasser einen direkten Wanderweg von West nach Ost an. Hier ist nun aber
doch wohl mit einem weiteren Verbreitungsraum von Heischebräuchen zur
Sommerbegrüßung zu rechnen, in dem andere Gebiete näher lagen. Zu meinen
in der Festschrift für Gustav Gugitz, „Kultur und Volk“, Wien 1954, S. 286 f.
veröffentlichten Belegen für ein von 1547 an über Jahrzehnte obrigkeitlich
dotiertes „Sommergewinnen“ im oberbayerischen Laufen a. d. Salzach fand ich
unlängst weitere für das benachbarte Salzburg, von 1535 und mit Erwähnung
von insgesamt sieben „Parteien“, d. h. Brauchgruppen, vermutlich aus der Schule
des Stifts St. Peter, von 1546. Das auffallend dichte Beieinander der Daten aus
verschiedenen Landschaften läßt annehmen, daß sich damals ein neuer Brauch
typ herausgebildet hatte, wozu der Impuls von den frühjahrszeitlichen Schüler
festen ausgegangen sein dürfte.
Zum wichtigen Fragenkreis um Voraussetzungen und Formen der Brauch
verbreitung liefern Siebers Ausführungen (S. 102 ff.) vom speziellen Fall her
wertvollen Diskussionsstoff. Der Satz etwa „Sprungausbreitung stand sicherlich
neben Flächenwanderung in regionalen Buchten“ hat allgemeine Gültigkeit. Als
Brauchvermittler werden „pauperisierte Kleriker in vorhussitischer Zeit“ ge
nannt, wichtig waren vom 16. Jahrhundert an die Schulmeister, und wenn ein
mal (S. 106) von einer „Landschaft ambulanten folkloristischen Gewerbes“ ge
sprochen wird, so gab es solche auf kargem Boden mehr.
Für die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts stellt Sieber, wieder aus der Reak
tion auf Pestzeiten, eine neue Welle des Todaustragens fest. Mit ihr scheinen nun
fränkische Landschaften neu in die Geschichte des Brauches eingetreten zu sein
und zwar, von Nürnberg abgesehen, wo eine 1674 erstmals bezeugte Sonder