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Bibliographische Daten: Zeitschrift für Volkskunde, 59/60.1963/64

Der nie stillstehende Fluß lebendiger Sitte und Sage 
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der- und Hausmärchen von 1812 mit Recht eine „stockhessische Samm 
lung“ 13 genannt wird. 
Jac. Grimms innere Neigung zur Bindung an das Überkommene fühlte 
sich bestätigt, als er in seinen Marburger Studienjahren (1802-05) Fried 
rich Carl von Savigny begegnete. Der große Rechtsgelehrte übte auf den 
jungen Studenten einen tiefgehenden Einfluß aus. In der Vorrede zur 
Deutschen Grammatik (1819), die Savigny gewidmet ist, spricht Jacob 
voll Dank und Wärme von seiner „Erweckung“ zur Wissenschaft und von 
den zahlreich geknüpften Fäden persönlicher und wissenschaftlicher Art, 
»die von dieser Zeit bis jetzo auf meine gesinnung, belehrung und arbeit- 
samkeit unveränderlichen einfluß behauptet haben“. 14 Als 1814 Savignys 
Schrift „Vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissen 
schaft“ erschien, worin das alte Recht als eine geschichtliche Lebensfunk 
tion des Volkes angesehen wird, schrieb er eine begeisterte Würdigung 
über diese „herzliche Schrift, die mir wohlgetan hat“. In dem gleichen 
Brief (vom 29. Okt. 1814) fährt er später fort: „Vieles ist mir ganz nach 
meiner Seele . . . Das Recht ist wie die Sprache und Sitte volksmäßig, 
dem Ursprung und der lebendigen Fortbewegung nach“. 15 Vor allem hebt 
Grimm einen Savignyschen Gedanken über das Gewohnheitsrecht hervor, 
das „durch Sitte und Volksglaube, überall durch still wirkende innere 
Kraft, nicht durch Willkür eines Gesetzgebers“ erzeugt wird. Jac. Grimms 
erste Arbeit über das volkstümliche Recht, im Geiste Savignys geschrieben 
und doch eigene Wege gehend, erschien ein Jahr später und wurde in des 
Meisters Flände gelegt. Unter dem Titel „Von der Poesie im Recht“ wurde 
sie 1816 in Savignys „Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft“ 
veröffentlicht. Nach einer lebenslangen Freundschaft faßte Jac. Grimm 
zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum Savignys (31. Okt. 1850) die Er 
innerungen und Erträge ihrer geistigen Gemeinschaft in der Einleitung zu 
seiner Abhandlung über „Das Wort des Besitzes“ 16 zusammen. 
I. Zum Begriff der Sitte 
Jac. Grimm hat es nie unternommen, das in seinen Schriften so häufig 
gebrauchte Wort ,Sitte' wissenschaftlich zu definieren. Es entsprach nicht 
seiner Geistesart, vom Theoretischen auszugehen; er schöpfte vielmehr aus 
der Fülle des Stoffes und der Kraft der Anschauung. Treffend charakteri 
siert er sich in einem Brief, an Arnim vom 29. Okt. 1812, daß er in seinen 
13 vergl. Wilh. Schoof, Zur Entstehungsgeschichte d. Grimmschen Märchen. Hess. Bl. f. 
Vk. 29 (1931), S. 1-118. 
14 Kl. Sehr. VIII, 25. 
lo W. Schoof (Herausgeber), Briefe der Brüder Grimm an Savigny. (1953), Veröff. d. 
Histor. Komm. f. Hessen u. Waldeck XXIII S. 172 f. 
16 Kl. Sehr. I, 113-144.
	        
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