Der nie stillstehende Fluß lebendiger Sitte und Sage
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der- und Hausmärchen von 1812 mit Recht eine „stockhessische Samm
lung“ 13 genannt wird.
Jac. Grimms innere Neigung zur Bindung an das Überkommene fühlte
sich bestätigt, als er in seinen Marburger Studienjahren (1802-05) Fried
rich Carl von Savigny begegnete. Der große Rechtsgelehrte übte auf den
jungen Studenten einen tiefgehenden Einfluß aus. In der Vorrede zur
Deutschen Grammatik (1819), die Savigny gewidmet ist, spricht Jacob
voll Dank und Wärme von seiner „Erweckung“ zur Wissenschaft und von
den zahlreich geknüpften Fäden persönlicher und wissenschaftlicher Art,
»die von dieser Zeit bis jetzo auf meine gesinnung, belehrung und arbeit-
samkeit unveränderlichen einfluß behauptet haben“. 14 Als 1814 Savignys
Schrift „Vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissen
schaft“ erschien, worin das alte Recht als eine geschichtliche Lebensfunk
tion des Volkes angesehen wird, schrieb er eine begeisterte Würdigung
über diese „herzliche Schrift, die mir wohlgetan hat“. In dem gleichen
Brief (vom 29. Okt. 1814) fährt er später fort: „Vieles ist mir ganz nach
meiner Seele . . . Das Recht ist wie die Sprache und Sitte volksmäßig,
dem Ursprung und der lebendigen Fortbewegung nach“. 15 Vor allem hebt
Grimm einen Savignyschen Gedanken über das Gewohnheitsrecht hervor,
das „durch Sitte und Volksglaube, überall durch still wirkende innere
Kraft, nicht durch Willkür eines Gesetzgebers“ erzeugt wird. Jac. Grimms
erste Arbeit über das volkstümliche Recht, im Geiste Savignys geschrieben
und doch eigene Wege gehend, erschien ein Jahr später und wurde in des
Meisters Flände gelegt. Unter dem Titel „Von der Poesie im Recht“ wurde
sie 1816 in Savignys „Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft“
veröffentlicht. Nach einer lebenslangen Freundschaft faßte Jac. Grimm
zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum Savignys (31. Okt. 1850) die Er
innerungen und Erträge ihrer geistigen Gemeinschaft in der Einleitung zu
seiner Abhandlung über „Das Wort des Besitzes“ 16 zusammen.
I. Zum Begriff der Sitte
Jac. Grimm hat es nie unternommen, das in seinen Schriften so häufig
gebrauchte Wort ,Sitte' wissenschaftlich zu definieren. Es entsprach nicht
seiner Geistesart, vom Theoretischen auszugehen; er schöpfte vielmehr aus
der Fülle des Stoffes und der Kraft der Anschauung. Treffend charakteri
siert er sich in einem Brief, an Arnim vom 29. Okt. 1812, daß er in seinen
13 vergl. Wilh. Schoof, Zur Entstehungsgeschichte d. Grimmschen Märchen. Hess. Bl. f.
Vk. 29 (1931), S. 1-118.
14 Kl. Sehr. VIII, 25.
lo W. Schoof (Herausgeber), Briefe der Brüder Grimm an Savigny. (1953), Veröff. d.
Histor. Komm. f. Hessen u. Waldeck XXIII S. 172 f.
16 Kl. Sehr. I, 113-144.