Dr. P. Ehrenreich: Ein Ausflug nach Tusayan (Arizona) im Sommer 1898.
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Fig. 23. Navaho-Reitergruppe. Originalaufnahme von P. Ehrenreich
Oberkörper bedeckt ein enganliegendes Velvetinwamms
ohne Knöpfe, nur mit einem Halsausschnitt versehen.
Ein Gürtel aus aufgereihten, handgrofsen ovalen Silber
platten umgiebt die Hüften. Enganliegende Beinkleider
von mexikanischem Schnitt, d. h. vom Knie ab seitlich
aufgeschlitzt, sowie lederne Mokassins bedecken die un
teren Extremitäten, die der Reiter im Sattel noch mit
einer seiner grellbunten Wolldecken einhüllt.
Die starken, aus grofsen, kugelförmigen Silberperlen
bestehenden Halsketten, an denen entweder Kreuze oder
Halbmonde und eigentümliche Pulvermafse hängen,
fehlen keinem. Sie bilden den höchsten Schatz des
Navaho, von dem er sich nur im äufsersten Notfälle
trennt. Nur wenn sie als verfallene Pfänder in die
Hände des Traders geraten, sind sie im allgemeinen
erhältlich und dann nur zu hohem Preise, 20 bis 40
Dollars. (Fig. 23.)
Die weibliche Kleidung erinnert im Schnitt ebenfalls
an die Mokifrauen, so weit sie nicht durch abscheuliche
Kattun-Kulturuniform verdrängt ist. Das sackartige, die
linke Schulter freilassende Gewand besteht aus einem
ungemein festen wollenen Gewebe. Ein von mir
worbenes Exemplar ist von dunkel kirsch
roter Farbe mit blauem Yorstofs oben und
unten, sowie mit blauen Kreuzornamenten
verziert. Der dazu gehörige Gürtel ist
ebenfalls den Mokigürteln ähnlich, doch
wird die rote Farbe bevorzugt.
Die Unterschenkel der Frauen sind wie
bei den südlichen Puebloweibern mit breiten
Lederbinden umwickelt. Moderne Sonnen
schirme waren sehr beliebt. Die Säuglinge
wurden in schlittenförmigen Tragkörben
auf den Pferden mitgeführt, während die
gröfseren Kinder vor oder hinter der
Mutter untergebracht werden. (Fig. 24.)
Das uns zu Ehren gegebene Reiterfest
begann gegen ein Uhr nachmittags. Es
handelte sich im wesentlichen um ein aus
Mexiko importiertes Spiel.
Ein Huhn wird bis an den Hals in die
Erde vergraben und die in schnellster Gang
art vorübergaloppierenden Reiter suchen es
aus der Erde herauszureifsen. Der Sieger
mufs seine Beute gegen seine verfolgenden
ivameraüen verteidigen. Es entsteht eine
allgemeine Hetze, wobei der unglückliche
Vogel, den einer dem anderen zu entreifsen
sucht, schliefslich in Stücke geht. Diese
gräuliche Tierquälerei wurde in unserem
Falle dadurch vermieden, dafs statt des
Huhnes ein geknotetes Strickende in den
Boden gepflanzt wurde. Hierdurch wurde
aber auch den Reitern ihre Aufgabe erheb
lich erschwert, denn der Strick legte sich
bei der leisesten Berührung auf dem Boden
um und erforderte ein übermälsiges Nieder
beugen der im sausenden Galopp heran
sprengenden Reiter. Yiele berührten ihn,
aber nur zweien oder dreien gelang es,
ihn zu fassen. Eine ganze Anzahl stürzte
und ein Pferd überschlug sich mit seinem
Reiter. Als Schlufseffekt liefs sich eine
unserer Damen, eine vortreffliche Reiterin,
von 400 bis 500 Indianern über die Steppe
hin verfolgen. Eine ganze Kodak-Batterie
und einKinematograph verewigten am Ziel,
wo plötzlich die ganze Meute Halt machte,
das imposante Schauspiel.
Am Spätnachmittage nahmen die Spiele ihren Fort
gang.
Es wurde zunächst ein Wettlauf angestellt, an dem
sich mit Erfolg auch ein in dem Bostoner Hemenwey :
Gymnasium ausgebildeter junger Amerikaner beteiligte.
Die Indianer hielten dann noch für sich ein zweites
Hahnenrennen, diesmal mit einem wirklichen Hahn ab,
den sie sich gegenseitig abjagten und endlich noch ein
gruppenweises nationales Rennen im weiten Bogen durch
das Terrain, dessen Verlauf und Arrangement indes
bei der grofsen Entfernung den meisten Zuschauern
entging.
Nachts wurden noch Geschenke an Kattun , Tabak
sowie an Lebensmitteln unter die Navahos ausgeteilt,
die sodann bis gegen Morgen hin an dem Lagerfeuer
ihre von eintönigen Liedern begleiteten Reigentänze auf
führten.
Am 25. August wurde die definitive Rückreise an
getreten, wobei die Überschreitung des mittlerweile
angeschwollenen Colorado auf Schwierigkeiten stiefs.
er- | Mit Hülfe des Drahtseiles brachten wir unser Gepäck
Fig. 24. Navahofrauen zu Pferde. Originalaufnahme von P. Ehrenreich