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fullscreen: Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, 16.1973

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Bernhard Weissel 
Kombination und Ausdrucksform des „Alten“, d. h. der bürgerlichen Ideologie, darstellt, 
die die theoretisch-methodologischen Grundlagen und die gesellschaftliche Funktion aller 
Richtungen entscheidend bestimmt. Gerade weil in der Kritik an Phänomenen der offen 
sichtlich reaktionären und konservativen Traditionslinien zwischen den marxistisch- 
leninistischen Volkskundlern der DDR und den Vertretern der Richtung der BRD, die die 
Volkskunde als „kritische Sozialwissenschaft“ verstanden wissen will, in begrenztem Rah 
men gewisse äußere Ähnlichkeiten konstatiert werden können, welche Möglichkeiten eines 
Meinungsaustausches eröffnen, wird die Abgrenzung der beiderseitigen theoretisch-metho 
dologischen Grundpositionen und des gesellschafdichen Standorts zu einem zwingenden 
Erfordernis. Es sei hier festgehalten, daß wir den Versuchen, einen Zusammenhang zwischen 
realen Interessen gesellschaftlicher Kräfte und bestimmten Auffassungen von der gegen 
wärtigen gesellschaftlichen Aufgabe der Volkskunde in der BRD zu erschließen, 7 unsere 
ungeteilte Aufmerksamkeit widmen. Wir sehen in ihnen, wie verschieden sie auch artikuliert 
und wie weit sie auch von der Erkenntnis der entwicklungsbestimmenden Gesetzmäßig 
keiten und des Systemcharakters der gesellschaftlichen Erscheinungen im Kapitalismus ent 
fernt sein mögen, letztlich Äußerungen des Unbehagens an der konkreten Realität der kapi 
talistischen Gesellschaftsordnung in der BRD. 
Der grundlegende Unterschied zwischen den marxistisch-leninistischen Volkskundlern 
der DDR und den Vertretern der „kritisch-sozialwissenschaftlichen“ Volkskunde in der 
BRD im Fierangehen an die volkskundliche Erforschung der Gegenwart ist durch den 
gegensätzlichen Charakter der in beiden Staaten existierenden Gesellschaftsordnungen und 
den Gegensatz zwischen dem Marxismus-Leninismus als der theoretisch-methodologischen 
Grundlage der Volkskunde in der DDR zu allen Richtungen der bürgerlichen Sozial 
wissenschaft determiniert. Aus beiden ergeben sich grundlegend verschiedene Forschungs 
ansätze und Ziele. Während die Volkskundler der DDR von der Rolle der Kultur bei der 
Herausbildung der sozialistischen Persönlichkeit ausgehen und sich vor allem auf die Pro 
zesse der Umwandlung der Kultur und Lebensweise der Arbeiterklasse in die Kultur und 
Lebensweise aller Klassen und Schichten der sozialistischen Gesellschaft orientieren, 8 
vermögen die Vertreter der Volkskunde als „kritischer Sozialwissenschaft“ die Frage nach 
dem gesellschaftlichen Standort und Ziel der volkskundlichen Forschungen zur Gegenwart 
nicht überzeugend zu beantworten. Für eine Richtung, die als fortschrittlich gelten will, 
genügt es nicht, wie dies zumeist geschieht, einprägsame Beispiele der Manipulation volks 
kundlicher Arbeitsergebnisse auszubreiten, wenn als Urheber und Nutznießer nur Expo 
nenten von Interessengruppen aus der örtlichen bzw. regionalen Ebene namhaft gemacht 
werden. Es erweist sich auch als unzureichend, wenn im Sinne der antikapitalistischen Kul 
turkritik der „Frankfurter Schule“ nur einzelne Bereiche aus dem Betrieb der imperiali 
stischen Massenkultur beleuchtet werden, ohne bis zur Basis und zum Grundwiderspruch des 
Kapitalismus vorzustoßen. 9 Die Vehemenz der Kritik an einzelnen Phänomenen des spät 
kapitalistischen Kulturbetriebes kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Entfaltung 
des Kulturantagonismus zwischen der in der BRD herrschenden spätbürgerlichen Kultur 
und den Elementen der proletarischen Kultur .nicht als der real objektiv existierende „Be 
zugsrahmen“ zur Basis volkskundlicher Erforschung der Gegenwart genommen wird. 
Einen interessanten Einblick in das Dilemma, vor das sich die Vertreter der „kritisch 
sozialwissenschaftlichen“ Richtung gestellt sehen, vermittelt eine Passage aus dem Buch von 
Hermann Bausinger „Volkskunde. Von der Altertumsforschung zur Kulturanalyse“: ,,So 
ergibt sich, daß eine genaue soziale Ausgrenzung des Gegenstandsbereichs wahrscheinlich 
7 Einen Ausdruck solcher Bemühungen sehen wir u. a. in der in Anmerkung i angeführten 
Literatur. 
8 Vgl. dazu: Kurt Hager, Zu Fragen der Kulturpolitik der SED, Broschurausgabe, Berlin 
1972, S. 8. 
9 Wir müssen hier davon Abstand nehmen, die zu dieser Thematik in der DDR erschienene 
Literatur aufzuführen. Als grundlegende Arbeit sei hier genannt: Robert Steigerwald, 
Herbert Marcuses dritter Weg, Berlin 1969.
	        
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