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Bernhard Weissel
Kombination und Ausdrucksform des „Alten“, d. h. der bürgerlichen Ideologie, darstellt,
die die theoretisch-methodologischen Grundlagen und die gesellschaftliche Funktion aller
Richtungen entscheidend bestimmt. Gerade weil in der Kritik an Phänomenen der offen
sichtlich reaktionären und konservativen Traditionslinien zwischen den marxistisch-
leninistischen Volkskundlern der DDR und den Vertretern der Richtung der BRD, die die
Volkskunde als „kritische Sozialwissenschaft“ verstanden wissen will, in begrenztem Rah
men gewisse äußere Ähnlichkeiten konstatiert werden können, welche Möglichkeiten eines
Meinungsaustausches eröffnen, wird die Abgrenzung der beiderseitigen theoretisch-metho
dologischen Grundpositionen und des gesellschafdichen Standorts zu einem zwingenden
Erfordernis. Es sei hier festgehalten, daß wir den Versuchen, einen Zusammenhang zwischen
realen Interessen gesellschaftlicher Kräfte und bestimmten Auffassungen von der gegen
wärtigen gesellschaftlichen Aufgabe der Volkskunde in der BRD zu erschließen, 7 unsere
ungeteilte Aufmerksamkeit widmen. Wir sehen in ihnen, wie verschieden sie auch artikuliert
und wie weit sie auch von der Erkenntnis der entwicklungsbestimmenden Gesetzmäßig
keiten und des Systemcharakters der gesellschaftlichen Erscheinungen im Kapitalismus ent
fernt sein mögen, letztlich Äußerungen des Unbehagens an der konkreten Realität der kapi
talistischen Gesellschaftsordnung in der BRD.
Der grundlegende Unterschied zwischen den marxistisch-leninistischen Volkskundlern
der DDR und den Vertretern der „kritisch-sozialwissenschaftlichen“ Volkskunde in der
BRD im Fierangehen an die volkskundliche Erforschung der Gegenwart ist durch den
gegensätzlichen Charakter der in beiden Staaten existierenden Gesellschaftsordnungen und
den Gegensatz zwischen dem Marxismus-Leninismus als der theoretisch-methodologischen
Grundlage der Volkskunde in der DDR zu allen Richtungen der bürgerlichen Sozial
wissenschaft determiniert. Aus beiden ergeben sich grundlegend verschiedene Forschungs
ansätze und Ziele. Während die Volkskundler der DDR von der Rolle der Kultur bei der
Herausbildung der sozialistischen Persönlichkeit ausgehen und sich vor allem auf die Pro
zesse der Umwandlung der Kultur und Lebensweise der Arbeiterklasse in die Kultur und
Lebensweise aller Klassen und Schichten der sozialistischen Gesellschaft orientieren, 8
vermögen die Vertreter der Volkskunde als „kritischer Sozialwissenschaft“ die Frage nach
dem gesellschaftlichen Standort und Ziel der volkskundlichen Forschungen zur Gegenwart
nicht überzeugend zu beantworten. Für eine Richtung, die als fortschrittlich gelten will,
genügt es nicht, wie dies zumeist geschieht, einprägsame Beispiele der Manipulation volks
kundlicher Arbeitsergebnisse auszubreiten, wenn als Urheber und Nutznießer nur Expo
nenten von Interessengruppen aus der örtlichen bzw. regionalen Ebene namhaft gemacht
werden. Es erweist sich auch als unzureichend, wenn im Sinne der antikapitalistischen Kul
turkritik der „Frankfurter Schule“ nur einzelne Bereiche aus dem Betrieb der imperiali
stischen Massenkultur beleuchtet werden, ohne bis zur Basis und zum Grundwiderspruch des
Kapitalismus vorzustoßen. 9 Die Vehemenz der Kritik an einzelnen Phänomenen des spät
kapitalistischen Kulturbetriebes kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Entfaltung
des Kulturantagonismus zwischen der in der BRD herrschenden spätbürgerlichen Kultur
und den Elementen der proletarischen Kultur .nicht als der real objektiv existierende „Be
zugsrahmen“ zur Basis volkskundlicher Erforschung der Gegenwart genommen wird.
Einen interessanten Einblick in das Dilemma, vor das sich die Vertreter der „kritisch
sozialwissenschaftlichen“ Richtung gestellt sehen, vermittelt eine Passage aus dem Buch von
Hermann Bausinger „Volkskunde. Von der Altertumsforschung zur Kulturanalyse“: ,,So
ergibt sich, daß eine genaue soziale Ausgrenzung des Gegenstandsbereichs wahrscheinlich
7 Einen Ausdruck solcher Bemühungen sehen wir u. a. in der in Anmerkung i angeführten
Literatur.
8 Vgl. dazu: Kurt Hager, Zu Fragen der Kulturpolitik der SED, Broschurausgabe, Berlin
1972, S. 8.
9 Wir müssen hier davon Abstand nehmen, die zu dieser Thematik in der DDR erschienene
Literatur aufzuführen. Als grundlegende Arbeit sei hier genannt: Robert Steigerwald,
Herbert Marcuses dritter Weg, Berlin 1969.