Dr.»Ed. Hawelka: Leichenbretter im Braunauer Ländchcn.
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geschält. Die Rinde dient zum Dachdecken, und zwar nach
weislich mindestens seit dem Ñ. Jahrhundert. Sie dient
weiter zum Umwickeln des unteren Endes von Pfählen, um
sie gegen Fäulnis I zu schützen. Wo die Eiche fehlt, wird
mit Birkenrindenlohe gegerbt. Allerlei Geräte, Körbe und
selbst Schuhe werden aus der Rinde geflochten. Ja im
16. Jahrhundert und später hat man dieselbe zum Ersatz des
Schrcibpapieres herangezogen, und gegenwärtig drehen finn-
märker Lappen ihre Zigarretten ans Birkenrinde. Durch
trockene Destillation wird aus der Rinde der nützliche Birken
teer oder das Juchtenöl gewonnen, und die zurückbleibende
Kohle findet im Gelbgießergewerbe Verwendung. Das
Holz dient zu Schnitzarbeiten, die Zweige liefern Besen und
Rute. Aus dem Saft des angebohrten Baumes wird ein
alkoholisches Getränk gewonnen, auch dient er zur Würze
einer besondern Suppe. Aus den Blättern gewinnt man
Farbstoffe für die Wolle, und endlich hat dieser vielseitige
Baum auch einige Heilmittel geliefert. Altnordische Ge
setze regeln den Verkehr mit Birkenrinde. In südnor-
wcgischen Gräbern, deren Anlage man ins 5. bis 7. Jahr
hundert verlegt, finden sich häufig Gefäße aus Eibenholz,
welche mit Birkenteer gedichtet sind. Auch in Schweden
und Schottland ist die Birke ein wertvoller Baum. Über
ihre Benutzung in Rußland berichtet Köppen. Im Gouver
nement Kostroma waren 1870 mehr als 12 000 Menschen
mit dem Einsammeln der Birkenrinde für fast 600 Teer
hütten beschäftigt. Die Schälung geschieht dort alle 20
Jahre, und wird bei der zweiten oder dritten Wiederholung
der Bestand abgetrieben. Auch in Rußland werden Ge
räte aus Birkenrinde gefertigt, auch dort war sie — wenig
stens früher in Kurland — zum Dachdecken im Gebrauch.
Die Maserknollen gelten als wertvolles Nutzholz. Aber
auch in Mitteleuropa hatte die Birke früher ein größeres
Ansehen als jetzt. Noch Chamisso -) hält sie für wertvoller
als die Kiefer, und würdig, diese in den Wäldern des
Sandbodens zu ersetzen. Auch Becker I rühmt ihren Nutz
wert im Verhältnis zu ihrer Genügsamkeit. Eine Urkunde
des brandenburgischen Markgrafen Waldemar aus dem An
fang des 14. Jahrhunderts I rechnet die Birke zu den wert
vollen Bäumen, nach Eiche und Buche, aber vor Esche und
Kiefer. Ein 1859 bei Schwaan in Mecklenburg ausge
grabenes Thongefäß, tvelches nach den darin enthaltenen
Münzen ans der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts
stammte, war mit Streifen von Birkenrinde ausgefüttert 5 ).
Dagegen ist die Birke in den laubwaldrcichen westdeutschen
Gegenden als „unfruchtbares" und „weiches" Holz schon
im Mittelalter minderwertig gewesen. Über den wirtschaft
lichen Wert der Birke im alten Gallien berichtet Plinius
(XVI, 18): „(lallioa haec arbor mirabili candore
atque tenuitate, terribilis magistratuum virgis, eadem
circulis, item corbium (coi'bis, m. s. v. w. Korb) costis.
Bitumen ex ea (lalli excoquunt.“ In Indien dient die
Rinde von B. Bhojpattra als Schreib- und Packpapier, zu
Sonnenschirmbezügcn u. dcrgl. mehr, in Kaschmir und
Kunawar auch zum Dachdecken und wird massenweise aus 1
1 ) Beispiele für die Haltbarkeit der Birkenrinde. Siehe
bei Lisch, Jahrb. d. Vereins s. mecklenb. Geschichte u. s. w.
XXVI, S. 244.
2 ) A. v. Chamisso, Übersicht der nutzbarsten und schädlich
sten Gewächse, welche wild oder angebaut in Norddeutschland
vorkommen, 1827.
3 ) Beschreibung der Bäume und Sträucher, welche in
Mecklenburg wild wachsen. 2. Ausl. 1805.
Riedel, Novus Codex diplomat. brandenburg. A. VII,
p. 308.
5 ) Lisch, a. st. C.
den Bergen in die Ebene ausgeführt, weil sie auch bei
religiösen Gebräuchen der Hindus Verwendung findet. Die
Rinde der B. acuminata ist dickblütteriger und wird nicht
gebraucht — daraus erklärt cs sich, daß der altindogerma
nische Name auf diese Art weniger angewandt wird.
Zu welchen Schlüssen berechtigt nun vorstehendes hin
sichtlich der Urheimat der Jndogermanen? Eigentlich nur
zu der Annahme, daß diese Urheimat zil suchen ist innerhalb
des Verbreitungsgebietes der Betula alba oder Bhojpattra.
Wenn wirklich die arischen und europäischen Sprachen nicht
mehr Pflanzennamen miteinander gemein haben, als bis
jetzt sicher nachgewiesen sind, dann ist weiter zu schließen,
daß in der Urheimat der Jndogermanen entweder neben der
Birke (und event. Weide, die auch als Strauch gedacht
werden kann) gar keine Bäume vorhanden, oder daß die
vorhandenen weniger nützlich waren, oder daß nur noch
Nutzbäume vorhanden waren, deren Kenntnis einem Teil
der Stämme bald verloren ging, und deren Kenntnis auf
sehr ähnliche nicht übertragen werden konnte.
Lcichenbrctter im Braunaner Ländchcn.
Von Dr. Ed. Hawelka.
Der Gebrauch der Leichenbretter, den F. Kaiblcr in einem
ausführlichen Aufsätze (Bd. BIX, S. 180) in dieser Zeit
schrift besprochen, findet sich auch im Braunaner Ländchcn
in Ostböhmen.
Eingeschlossen im Westen vom Faltengebirge und dessen
Fortsetzung, der Heuscheuer, im Osten von den Vorbergcn
des Eulengebirges liegt ein fruchtbares Gefilde, die „Braune
All", bewohnt von einer kernfesten deutschen Bevölkerung
fränkischen Stammes, die seit dem 13. Jahrhundert hier an
sässig, treu Sitten und Gewohnheiten ihrer Vorfahren be
wahrt. Von diesem zähen Festhalten am Althergebrachten
zeugt auch die eigentümliche Sitte der Leichenbretter, die seit
vielen Jahrhunderten hier geübt, sich trotz mancher Verbote
seitens der Obrigkeit bis zum heutigen Tage erhalten hat.
Dieser Brauch findet sich zwar nicht mehr in der Stadt
Braunau selbst, herrscht aber in den umliegenden Dörfern
ungeschwächt fort. In letzteren wird die Leiche, bis der
Sarg aus der Stadt ankommt oder vom Ortstischler gefertigt
wird, auf ein neues Brett von entsprechender Länge (40 bis
190 cm) gelegt. Nack) dem Begräbnisse schreibt der Tischler
mit weißer, schwarzer oder roter Farbe den Namen des Ver
storbenen und das Sterbedatnm darauf. Dazu kommt bis
weilen die Bitte, für den Toten ein Vaterunser zu beten.
Diese Bretter legt man längs des Weges, über Gräben,
als Steg allf sumpfige Wiesen, überhaupt dorthin, lvo viele
Leute vorbeigehen, die des Verstorbenen gedenken sollen. Ge
funden werden sie überall im Braunaner Gebiete, besonders
zahlreich aber bei den Dörfern Schönau, Dittersbach, Barz-
dorf, Wcckersdorf.
Bezüglich der Ausschmückung der Bretter herrschen zwei
Grnndtypeu vor. Erstens: die Vorderseite des Brettes ist
entweder mit drei, der Länge nach untereinander stehenden
Kreuzäien von verschiedener Form versehen und die Auf
schrift ist nach Thunlichkcit in den Zwischenräumen unter
gebracht, und zwar wird hier immer der Name und das
Sterbedatnm rc. voll ausgeschrieben — oder zweitens: die
Vorderseite des Brettes enthält als figuralen Schmuck ein
großes Kreuz auf einem Postamente aufgemalt. Zu beiden
Seiten des Längsbalkens des Kreuzes stehen dann die Anfangs
buchstaben des Namens, unter dem Postamente wird dann
das Sterbejahr eingezeichnet.