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Johannes Ittmann f
Anthropos 58.1963
Was im folgenden dargestellt ist, hat sich kein Kameruner ausgedacht
und in einem gescheiten Buche niedergelegt; das lebt der einfache Mann in
Kamerun täglich und wird es trotz abendländischen Einflusses auch weiterhin
leben. Meine Beobachtungen fasse ich in fünf Gruppen zusammen : Seinslehre,
Weisheitslehre, Seelenlehre, Sittenlehre und Regeln der Lebenswiederher
stellung.
1. Die Lehre vom Sein
Das Denken der Kameruner über das Sein geht aus vom zentralen und
höchsten Wert in ihrem Bewußtsein : der Lebenskraft nginyä. Alle Wesen,
vom höchsten, dem Menschen, bis zum unbelebten Sein bekommen von Gott 1
diese Kraft zur Stärkung des stärksten Wesens der Schöpfung. Der Besitz dieser
Lebenskraft ist des Menschen höchstes Glück, ihre Schwächung oder gar ein
Verlust ist das Unglück 1 2 . Alle Volksbräuche, die den Neuling fremdartig an
muten, haben für das Individuum und für die Gruppe den Zweck, diese Kraft
zu erhalten, zu mehren und ihre Schädigung abzuwehren. Dabei erhöht der
Gebrauch ,magischer’ Mittel 3 die Widerstandsfähigkeit gegen verderbliche
Kräfte, die von außen auf das Menschenleben einwirken können. Diese Lebens
kraft ist gleichsam das menschliche Sein selbst, denn der Mensch ,besitzt’
diese Kraft nicht als etwas neben seinem Sein, sondern er ,ist’ Kraft 4 . Bei
allem Sein ist zu unterscheiden zwischen dem, was sinnlich wahrnehmbar ist,
und dem Ding selbst, d. h. dessen eigener, innerer, unsichtbarer Art, die das
Äußere erst gestaltet; so beim Menschen : das Sichtbare - der Körper, das Un
sichtbare - die diesen belebende Kraft, das eigentliche Wesen.
Dieses Sein (= Kraft) kann durch andere Seinskräfte gesteigert oder
gemindert werden sowohl in seinen Eigenschaften wie in seinem Wesen, seiner
Existenz. Entstehen aber und Vergehen wird der Gottheit, dem Urquell alles
Seins und aller Kraft, zugeschrieben 5 . So wirkt Kraft auf Kraft ein. Außer
dem Verhältnis Gott - Geschöpf besteht eine solche Seinsverbindung zwischen
1 Sehr schön drückt das Rätsel aus, wie der Kameruner alles Existierende auf die
Gottheit zurückführt. Frage : tete ä diele mba myuedi mi huki mba jälqbe „mein Vater
hinterließ mir eine Frage, die zu beantworten mir zu schwer ist“ ; Antwort : nja nu wek'i
nyämbe e „wer erschuf die Ahnengottheit, den Wirker ?“ Wenn nichts anderes vermerkt
ist, handelt es sich bei den afrikanischen Wörtern und Texten um die Duala-Sprache ;
die Hochtöne der Vokale und Schlußnasale sind nicht eigens bezeichnet.
2 bewä „in schlechten, in Gefahrenzustand kommen“, kausativ ; bewse „in solchen
Zustand bringen“, davon mheu a nyolö „unguter Zustand des Körpers, das Unglück
(herbeigeführt durch eigenes Verschulden oder fremde Kräfte, die die Lebensseele schwäch
ten oder entführten).
3 Solche bemä be matate nyolö „Dinge, die den Körper beschützen“ sind aus der
Natur genommen und werden als Amulette getragen ; heute sind sie vielfach durch
Talismane aus Europa und Amerika ersetzt.
4 Man sagt : be nginyä „Kraft sein“, nicht : bene nginyä „zu Kraft kommen, Kraft
besitzen“, wie sich Fremde oft falsch ausdrücken.
5 Vgl. den alten Duala-Gruß ; der Ankommende sagt ; ndje e tuse e „was belebt,
regt an ?“ ; die Anwesenden erwidern ; nyämbe „die Ahnengottheit“ ; vgl. Ittmann,
Gottesvorstellung und Gottesnamen im nördlichen Waldland von Kamerun, Anthropos
50. 1955, pp. 241-264.