Robert. Lehmann-Nitsche:
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Menschengestalt — allerdings eines Einbeins!) — der sideralen Vorlag®
besser entsprechen. Tezcatlipoca könnte nun wieder Herrscher am Nacht-
himmel sein (wenn Ursa major hoch und hóher steigt, geht ein andere?
Sternbild tief und tiefer), aber der Text sagt das nicht mehr, sondern 106
einen Untergott, den Tlaloc, an die Regierung kommen. In Wirklichkeit
wiederholt sich der Vorgang, wie uns der Anblick des gestirnten Himmels
belehrt, ad aeones: Tezcatlipoca und Quetzalcouatl wechseln periodisch
in der Würde des Nachtsonnengottes ab.
Unser Text läßt also, wie gesagt, während der dritten Periode der
Urzeit nicht mehr den Tezcatlipoca regieren, ja nicht einmal einen anderen
der vier Urgötter, welcher bisher noch nicht geherrscht hatte, sondern einen
der von diesen erst erschaffenen Untergötter, den Tlaloc, und nach diesem
dessen Weib: d. h., man hat entweder zwei verschiedene Mythen mitein-
ander in Verbindung gebracht oder die ältere erweitert?). j
Die Dauer der Herrscherperiode eines jeden dieser zwei Sternbild-
gôtter wird ausdrücklich als gleich angegeben, was wiederum für einen
kosmischen, sich regelmäßig wiederholenden Vorgang spricht. Die be-
treffende chronologische Angabe lautet: Duró Tezcatlipoca seyendo sol
13 veces 52 que son 676 aiios. Daf hier eine absichtliche Ubertreibung
des in Wirklichkeit nur ein halbes Jahr dauernden Herrschertums eine?
jeden der beiden Götter vorliegt, ist klar; es handelt sich, wie Krickeberg
sagt (vgl. oben S. 75), um eine „natürlich rein mythische Zahl. war
haben hier das sog. ,,Uberkragungssystem‘‘ zur Bildung hoherer Zeitzyklen
vor uns, welches auch in Ost- und Siidostasien weit verbreitet ist 3). Die
Zahlen 13 und 52 sind hier gut bekannte Größen. Die Zahl 13, die in der
mexikanischen Zeitrechnung eine so große Rolle spielt (Graebner S. 34),
bezeichnet im altmexikanischen Kalender die Anzahl der einen Zeitabschnit®
bildenden Tage, welche mit einer Reihe von 20 Bildern kombiniert einen
Zyklus von 260 verschieden bezeichneten Tagen ergeben, das sog. Tonala-
matl. Die Zahl 52 ist die Anzahl der einen groflen Zyklus bildenden Jahre:
welcher durch Verbindung des Tonalamatl mit dem mexikanischen Sonnen
jahr von 365 Tagen entsteht (näheres bei Graebner S. 9, Anm. 32).
Mit der Erkenntnis, dafj die Zahlen 13 und 52 sich auf bekannte Zeit-
abschnitte beziehen, haben wir also etwas Positives gewonnen. Das Multi-
plizieren dieser Zahlen miteinander sowie die Angabe, daf) das erhaltene
Produkt 676 die Anzahl der Regierungsjahre eines jeden der beiden Stern-
bildgótter sei, war wohl eine von den Priestern beabsichtigte Überhóhung»
*) Der Text erzählt bereits von vier göttlichen Herrschern mit den ent
sprechenden vier Herrscherperioden, kann also nicht die älteste Fassung sell
Diese muß nur zwei u. zw. imposante Sternbilder gekannt haben, die nur geringe
Zeit gleichzeitig am Nachthimmel sichtbar sind: fángt das eine an aufzugehen:
geht das andere unter. In der Alten Welt sind ihre klassischen Repräsentante?
Orion und Scorpius bzw., das soll man nicht vergessen, umgekehrt, vgl. meine pro.
visorische Skizzierung in der Studie: Der apokalyptische Drache . . . Zeitschrif
für Ethnologie, LXV, S. 219, Berlin 1933 (erschienen 1934). Erst nach Quadrierung
des Nachthimmels wurden zwei weitere Quadranten-Sternbildherren sekun ar
gesucht und gefunden, was sich bereits für das alte China zeigen läßt; darauf geh
auch offenbar die in ganz Amerika bis ins Sinnlose getriebene Vorliebe für © d
Dy Zahl 4 zurück. Das Thema kann aber hier unmöglich weiter verfolg
werden.
?) Der Mythus, welcher im Grofen Wagen eirien einbeinigen Mann erblickt:
frágt sich, wie letzterer wohl um sein anderes Bein gekommen sein mag und finde
dafür die oben dargelegte Erklärung. Tezcatlipoca war also ursprünglich ganz
normal zweibeinig. Mit bemerkenswerter Konsequenz setzt ihn nun der MythU?
als solehen an den Beginn der abwechselnden Herrscherfolge: Tezcatlipoc#
Quetzalcouatl -— Tezcatlipoca usf. I
3) Graebner, Alt- und neuweltliche Kalender. Zeitschrift für Ethnologie LIL
S. 9, Berlin 1920/21.