Das gezähmte Pferd im neolithischen u. frühbronzezeitlichen Europa? 123
Funde besagen selbst dann nichts, wenn sich die Pferdeknochen unter Haus
tierknochen finden. Soll man annehmen, daß die Bewohner dieser Plätze die
Reste ihrer Mahlzeiten unter dem Gesichtspunkt: wilde Tiere, zahme Tiere
sortiert hätten? Dazu kommt, daß die naturwissenschaftliche Forschung mit
den bisherigen Aussagen der Archäologie als mit unanfechtbaren Daten
rechnet. Hilzheimer, der die spärlichen neolithischen Pferdereste auf euro
päischem Boden eher als Zeugnis für das Nichtvorhandensein der Zucht deuten
möchte, gibt nur auf Grund der Halberstädter Trense die Möglichkeit einer
Domestikation gegen Ausgang der Steinzeit zu 87 . Und wenn er annimmt,
daß das Pferd während der Bronzezeit überall in Mitteleuropa heimisch war,
so deshalb, weil man „seit Beginn der Bronzezeit aus Hirschhorn geschnittene
Zaumstangen kennt“ 88 . Auch Antonius stützt sich bei der zeitlichen An
setzung auf archäologische Beweise.
Sieht man von diesen nicht der Naturwissenschaft entnommenen Argu
menten ab, so ist zunächst die Tatsache festzustellen, daß Pferdeknochen im
neolithischen und frühbronzezeitlichen Europa nur selten anzutreffen sind.
Besonders lehrreich sind auch hier wieder die Untersuchungen Pira’s über
die Höhle von Stora Karlsö, wo in mächtigen Kulturschichten ungeheure
Massen von Tierknochen aufbewahrt sind. Das Pferd tritt in den ältesten
Schichten, die ganz überwiegend aus Robbenabfällen bestehen, gar nicht auf.
In den mittleren Straten bleibt es selten. In den jüngsten Schichten dagegen,
die bis ins Eisenalter hinabgehen, wird es häufig.
Auch auf festländischem Boden sind Pferdeknochen im Neolithikum und
frühen Bronzealter nicht zahlreich. Die Liste der in den aufgeführten Kultur
bezirken Südwestdeutschlands gefundenen Tierknochen aus dem Vollneolithi
kum nennt für das Pferd folgende Ziffern 89 :
Michelsberger Kultur .
Hinkelstein-Kultur . .
Süddeutsche Stichkeramik
Schussenrieder Keramik
Spiralkeramik ....
Schnurkeramik . . .
Megalithkeramik . . .
Glockenbecherkeramik .
Zonenbecherkeramik
Aus den neolithischen und frühbronzezeitlichen Pfahlbauten ließen sich
ähnliche Ziffern beibringen. Über einige Pferdegräber später.
Hinsichtlich der Pferderassen ist es allseitig anerkanntes naturwissen
schaftliches Faktum, daß innerhalb Europas im 2. Jahrtausend zwei, nach
anderer Auffassung drei Pferderassen vorhanden waren. Die eine, ein warm
blütiges Pferd, ist derselben Abstammung wie die meisten oder alle prä
historischen Rassen Vorderasiens und Ägyptens; auch Indien und im Zusam
87 Hilzheimer, a. a. O., 112—113.
88 Daselbst, 113.
89 Ernst Wahle: Die Besiedlung Südwestdeutschlands, 1920. Röm.-Germ. Komm.,
12. Bericht.
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