Horst Hartmann:
Die Gros Ventres gehören zur Plainsabteilung der Algonkin und damit zu
den schweifenden Jägervölkern, die ich „Plainsnomaden‘‘*) oder „Plainsin-
dianer‘ nenne®). Sie bezeichnen sich selbst als Haünininf), eine Prägung, die
,Clay people'' bedeutet. Grinnell meint, daB diese Designation móglicherweise
auf den hàufigen Gebrauch von weifBem Ton zur Kórperbemalung oder zur Fár-
bung gegerbter Bisonháute zurückgehe"). Der Name ,,Gros Ventres" stammt
von den Frankokanadiern5); viele Anglokanadier pflegten dagegen in Anleh-
nung an die von den Cree benutzte Bezeichnung von ,, Waterfall Indians", ,,Fall
Indians" oder ,Rapid Indians" zu sprechen. Diese Termini sind auf die Tat-
sache zurückzuführen, daB die Gros Ventres nach 1750 in der Nähe der Wasser-
fille und Stromschnellen des South Saskatchewan saBen?). Um diese Zeit war
die Trennung von den Arapaho, ihren engsten Verwandten, langst vollzogen!?).
Die ersten zuverlássigen und ausführlicheren Nachrichten über die Gros
Ventres kommen aus der Periode nach 1770; sie sind mit den Namen Matthew
Cocking, Edward Umfreville und Alexander Mackenzie verknüpft. Als die Gros
Ventres ab 1790 von den vereinigten und besser bewaffneten Plains Cree und
Assiniboin immer weiter nach Süden gedrángt wurden, richtete sich ihr Groll
gegen die Angestellten der Pelzhandelskompanien; sie überfielen Handels-
posten und massakrierten eine Anzahl Menschen. Dieser Spanne entspringt der
schlechte Ruf, den die Gros Ventres lange gehabt haben. Für das 19. Jahr-
hundert wäre zunächst das meist gute Verhältnis zwischen Gros Ventres und
Blackfeet und sodann eine Wanderung der Gros Ventres in Richtung auf den
Platte River und darüber hinaus hervorzuheben. An dieser Südbewegung hat
mit Sicherheit nicht der ganze Stamm teilgenommen; wären alle abgezogen,
hátte man das aufgegebene Territorium von den feindlichen Völkern, zu denen
auch die Crows rechneten, nicht zurückgewinnen können. Nach Hugh Lenox
Scott, der sich auf eine Untersuchung F. V. Hayden's stützt, soll der Aufenthalt
der Gros Ventres in den mittleren Plains und die dabei zustande gekommene
1) Herzog zufolge sollte der Terminus ,Nomaden" nur mit den Wanderhirten der Alten Welt in Ver-
bindung gebracht werden, weil er auf das griechische Wort für »grasen" zurückgeht und deshalb eng mit
der Viehzucht verkoppelt ist (Herzog 1967: 1 ff.). Trotzdem werde ich diesen Ausdruck in meinen Arbeiten
über die Indianer der Great Plains weiterverwenden, allerdings nur zur Charakterisierung derjenigen
Bisonjäger der historischen Epoche, die keine festen Dörfer besaßen und auf ihren Wanderungen über die
Trockensteppen des inneren Nordamerikas Pferdeherden mit sich führten.
$) Diesen Vólkerschaften stelle ich die semisedentáren Indianer gegenüber, die die Feuchtsteppen
der unteren, also der eigentlichen Prärietafel, bewohnten. Mit dieser Aussage will ich keineswegs für eine
definitive Teilung der Kulturzone der Great Plains eintreten. Wohl aber bin ich der Meinung, daß man
die beiden Bereiche der halbseßhaften Volksgruppen und der Nomaden als „Subareale“ bezeichnen und
bewerten sollte, wie dies ja früher schon geschehen ist. Auch in Deutschland sollte man sich zu einer
klaren Separierung der angesprochenen Ethnien in ,Plains"- und ,Prárieindianer" bewegen lassen. Die
Siedlungsgebiete der zur Debatte stehenden Eingeborenen fallen übrigens in etwa mit den geographischen
Großräumen der Great Plains und Prärien zusammen. Zu den typischen Okkupanten der den Rocky Moun-
tains und dem Trans-Pecos-Hochland gegenüberliegenden Trockensteppen, also den nach Schmieder in das
Missouri Plateau, das Wyoming-Becken, die High Plains und das Edwards Plateau zerfallenden „Großen
Ebenen“, rechneten im 19. Jahrhundert die Blackfeet, Gros Ventres, Arapaho, Cheyenne, Plains Cree und
Plains Chippewa (Plains Ojibwa) aus dem Sprachstamm der Algonkin, die Assiniboin, Crows und Teton-
Dakota aus dem Verband der Sioux, die Sarsi und Kiowa-Apache aus der Familie der Athapasken, die
Comanche aus der linguistischen Sozietät der Uto-Azteken und die sprachlich isolierten Kiowa. Natürlich
wären für einige Dekaden des letzten Jahrhunderts noch Randvölker aus der Plateau-Region, den im
Süden auslaufenden Rockies, aus Texas und aus dem östlichen Grenzgebiet der Great Plains zu nennen.
Wir müssen uns an diesem Ort aber auf die ethnischen Einheiten beschränken, die für unsere Untersuchung
relevant sein werden.
6) Kroeber 1908: 145. Grinnell (1913: 327) schreibt Ah-üh-ni-nT', Cooper (1940: 98) aa ninin.
7) Grinnell 1913: 327. Uo
5) Es ist nach wie vor unklar, wie dieser Ausdruc entstanden ist. Keineswegs sollte damit auf eine
auBergewóhnliche Korpulenz dieser Indianer angespielt werden. Um die algonkinischen Gros Ventres von
den ,Gros Ventres of the Missouri", also den Hidatsa oder Minitari, unterscheiden zu kónnen, verwandte
man für sie spáter auch die Formel ,Gros Ventres of the Prairies".
*) Im allgemeinen heiBt es aber, daf die Gros Ventres damals zwischen den beiden Hauptarmen des
Saskatchewan umhergewandert seien.
1) Die linguistischen Differenzen zwischen den beiden Stámmen waren nach Kroeber um 1900 so
groB, daB er die Scheidung auf mehr als 200 Jahre, also auf die Zeit vor 1700, zurückverlegte (Kroeber
1908: 145). Der Jesuitenpater Pierre Jean de Smet nimmt Bezug auf eine 1846 erhaltene Auskunft und
berichtet, Arapaho und Gros Ventres hütten sich vor etwa 150 Jahren getrennt (De Smet 1863: 256).
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