146 Buchbesprechungen und Bibliographien
japanischen Volkskunde, in: Anthropos, 63/64: 738—744, 1968/69). Seine Pionierarbeiten
wurden von seinen Schülern und Enkelschülern fortgesetzt und weiterentwickelt. Unter
anderem ist hervorzuheben, daf Prof. Keigo Seki, einer seiner Schüler, sich um die
Veröffentlichung eines Standardwerkes über japanische Märchen verdient gemacht hat
(Seki. Nippon Mukashibanashi Shusei. 6 Bde. Kadokawa Verlag, Tokyo, 1950—58). In
diesem Werk stellte er ca. 8600 Märchen aus neueren Zeiten zusammen und klassifi-
zierte sie in mehr als 700 Typen nach seinem eigenen System. Später publizierte er
auch eine englische Arbeit über „Types of Japanese Folktales“ in Asian Folklore
Studies, XXV, 1966.
Nun versucht Hiroko Ikeda, auch eine Yanagita-Schülerin, in der vorliegenden
Arbeit eine neue Typenklassifikation nach dem bekannten System von Aarne-
Thompson. Das Material stammt großenteils aus rezenten Märchen, das Seki zu-
sammenstellte. Zur Ergänzung berücksichtigt sie aber auch rezente Sagen sowie
Mythen und Erzählungen aus älteren Quellen, vor allem aus dem Kojiki (8. Jh.) und
dem Konjaku-Monogatari (11. Jh.). :
Nachdem die Verfasserin im kurzen Vorwort die Entstehungsgeschichte des Wer-
kes darstellte (7—10), bespricht sie im Hauptteil: „The Type Index‘ den reichhaltigen
Stoff, den sie in 439 Typen einteilt (11—291). Bei der Darlegung einzelner Typen bringt
sie zuerst Typennummer nach dem Aarne-Thompsonschen System mit einem Schlag-
wort, dann Verbreitung der Versionen innerhalb Japans mit Quellenhinweis sowie
Hauptzügen des Typs und schlieBlich allgemeine und literaturhistorische Bemerkungen
und außerjapanische Parallelen. Die Angaben außerjapanischer Parallelen sind, wie die
Autorin selbst zugibt (9), nur zufällig, aber sie werden nichtsdestoweniger für aus-
ländische Forscher von Nutzen sein, da hauptsächlich japanisene — und mitunter auch
^ in Japan schwer zugángliche — Quellen zitiert sind.
Als Anhang zum Typen-Index sind beigefügt: ein Motiv-Index nach dem Thomp-
sonschen System (292—340), ein allgemeines Register mit Glossarium (341—348), ein
japanisches Register (349—356) und eine annotierte Bibliographie (357—365). Ferner
gibt es auch eine vergleichende Tabelle der Ikeda-Aarne-Thompsonschen Typennum-
mern mit den Sekischen (366—375).
Es liegt auf der Hand, daB die Anwendung des Aarne-Thompsonschen Systems auf
das japanische Erzáhlgut einen Vergleich mit auferjapanischem Material erheblich
erleichtern wird, ein Verdienst, wofür man der Verfasserin nur dankbar sein kann. Auf
der anderen Seite bringt dieses Verfahren auch einige Nachteile mit sich. So bleiben
viele Typen unerwáhnt, die im Aarne-Thompsonschen System keinen Platz finden: Man
vermiDt z. B. einige kosmogonische Typen in diesem Typen-Index. Zu bedauern ist, daD
die Autorin keine Gelegenheit hatte, neuere japanische Publikationen seit ca. 1960
auszuwerten, weil gerade in dieser Periode viel neues Material erschienen ist.
Diese Bemerkungen sollten den hohen Wert dieser Arbeit nicht schmálern; der
Verfasserin gebührt Dank und Anerkennung für ein Werk von großem Nutzen, das dem
Erzáhlungsforscher viel Material und Anregung bietet. Taryo Obayashi
Laade, Wolfgang: Oral Traditions and Written Documents
on the History and Ethnography of the Northern
Torres Strait Islands, Saibai-Dauan-Boigu.
Vol. I: Adi-Myths, Legends, Fairy Tales.
Collected and edited by W. L.; Franz Steiner-Verlag, Wiesbaden 1971.
XXVI u. 124 S., 7 Aufz. v. Liedern, 9 Taf., 6 Abb., 9 Ktn.
Das Ehepaar Laade konnte von August 1963 bis Juni 1965 mit einem Stipendium
des ,, Australian Institute of Aboriginal Studies" ethnologische Feldforschungen auf den
Inseln der Torres-StraDe durchführen. Die Hàlfte der zur Verfügung stehenden Zeit
wurde für die drei nördlichen, der Küste des Western District von Papua vorgelagerten
Inseln Saibai, Dauan und Boigu verwendet, die von der „Cambridge Anthropological
Expedition to Torres Straits" nur am Rande untersucht worden waren. Insofern werden
die Feldforschungsberichte W. Laades eine wertvolle Ergánzung zu den Ergebnissen
jener von A. C. Haddon 1898 geleiteten Expedition bilden. (In der Zwischenzeit war hier
auf dem Gebiet völkerkundlicher Forschungen kaum etwas geschehen.)
Ob ethnologische Feldforschungen im Gebiet der Torres-Straße mit dem Ziel, die
traditionale Kultur durch Beobachtung und Befragung zu erfassen, noch möglich wären.