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Dr. E in i 1 ® eifert: Der^Hoangho iinb seine Stromlnuf - Aendernng.
reiche Ablagcrungs- und Aufschüttungsarbeit. Da er die
Sedimente, von denen er erheblich mehr mit sich führt, als
jeder andere ihm ebenbürtige Strom der Erde [ ), und von
deren gelber Farbe er seinen diamen trägt, — da er diese
Sedimente bei seinem schwachen Gefall nicht mehr weiter
zu tragen fähig ist, so erhöht er mit denselben sowohl sein
Bett als auch (zur Zeit seiner gewöhnlichen Hochwasser)
seine Uferleisten. Unser Rhein, unser Po, der kalifornische
Sacramento, der lonisianische Mississippi und andere Ströme
machen es ja bekanntlich auch nicht anders. Auf diese
Weise fließt der große chinesische Strom, bald nachdem er
den Engpaß zwischen Tung-kwan und Möng-tsin-hsien
verlassen hat, höher als weite Striche der umliegenden
Ebene. Zur Zeit von besonders hohen Hochwassern, die
periodisch eintreten, geschieht es dann aber leicht, daß er
über seine UferwÜlle hinweg läuft, oder daß er dieselben an
schwächeren Stellen durchbricht, um seine gelben Fluthen über
die Landschaften dahinter zu ergießen. Besonders häufig
geschieht dies in der Nähe jener letzten Austrittsstelle aus ■
dem Gebirge, wo der Strom bei solchen Gelegenheiten noch
einen guten Theil von der Wildheit eines Bergstromes besitzt,
und wo er in seinen ekstatischen Momenten gewisser-
niaßcn seine ganze furchtbare Kraft koncentrirt. Tritt ein
mäßiger Bruchtheil seines Wassers über die Ufer, so daß
dasselbe nur wenige Centimeter oder nur fußhoch über
den Feldern steht, so hat der chinesische Landmann, der
dieselben bebaut, kaum viel Grund, sich darüber zu be
klagen; denn der Schlamm, den der Hoangho darüber aus
breitet, erhöht die Fruchtbarkeit derselben, und die Reis
ernte wird dqdurch nur desto reichlicher. Verbreitet sich
das Ueberschwemmungswasser aber in der Tiefe von meh
reren Metern über der Ebene, so sind die Verwüstungen,
die er anrichtet, furchtbare, und sie übertreffen dann die
jenigen, die andere Ströme auf Erden anzurichten fähig
sind, bei weitem. Was sind dagegen die Hochstuthen des
Rheins und der Donau, des Ohio und des Mississippi, die
immer nur Dutzende von Dörfern und Städten zerstören und
nur wenige Hundert oder wenige Tausend Menschen verschlin
gen! Die Hochstuthen des Hoangho fegen dann Hunderte
und Tausende von Ortschaften von dem Erdboden hinweg,
und vernichten Millionen von Menschenleben. Und was
nach der Fluth zurückbleibt, das ist ein ungeheures Leichen-
scld — so groß, wie wir es uns in unserer Phantasie nicht
vorstellen können — und eine Sandwüste, denn die Sedi
mentmassen, die der Strom alsdann über die Ebene hinweg
streut, sind von gröberem Korn. Der Hoangho hat diesen
Charakter besessen, so weit die uralte chinesische Tradition
zurückreicht, und man begreift daher wohl, daß er darin von
jeher als „Chinas Kummer" oder als die „Geißel der Kinder
Han's" bezeichnet wird. Weil die Wasserscheiden, die den
Strom von ähnlich gearteten — wenn auch natürlich
weniger furchtbaren Nachbarströmen — trennen, an vielen
Orten sehr niedrig und unbedeutend sind, und weil diese
Wasserscheiden im Allgemeinen auch nur aus losem Mate
rial ausgebaut sind, so geschieht es übrigens bei den beschrie
benen maximalen Hochstuthen häufig genug, daß der Strom
diese Wasserscheide an irgend einem Punkte hinweg wäscht,
daß er sein altes, durch Aufschüttung zu hoch gewordenes
Bett gänzlich verläßt, und daß er in dem tieferen Thäte
eines Nachbarstromes weiter seewärts fließt. Welche Ströme
dies in den vorhistorischen Zeiten gewesen sind, das ver
mögen wir nicht zu sagen — vielleicht alle, die die große
Ebene durchziehen, und vielleicht daneben auch noch zahlreiche
andere, die heute nicht mehr vorhanden sind. Die vor
historische Zeit ist ja lang gewesen, und der ganze Ban der
großen Ebene ist nicht gut anders zu erklären, als daß die
Naturkräste, die heute ihr Spiel daselbst treiben, dasselbe durch
einen unendlichen Zeitraum ebenso gethan haben, wenigstens
durch einen unendlichen Zeitraum für die menschliche Vor
stellung. Des Einflusses, den die staubführenden und löß
bildenden Winde auf die Erhöhung gewisser Distrikte, und
dadurch ans die Stromlanfänderungen gehabt haben müssen,
gedenken wir hier nur ganz beiläufig, obgleich derselbe sicher
lich auch von jeher ein sehr bedeutender gewesen ist. Um
das ganze Phänomen begreiflich zu machen, reicht aber nach
unserer Meinung die Betrachtung der angegebenen Ver
hältnisse vollständig hin.
In den historischen Zeiten hat man in China nicht
weniger als zehn große Laufverändernngen des Hoangho zu
verzeichnen gehabt — die erste im Jahre 602 vor Christus,
und die beiden letzten unter den Augen der lebenden Gene-
ration, im Jahre 1852 und im letztverslosseuen Jahres.
Wie groß die Verheerungen und die Verluste an Menschen
leben gewesen sind, die mit den früheren Laufverändernngen
Hand, in Hand gegangen sind, das entzieht sich unserer
Beurtheilung vollständig. Drang doch die Kunde von der
vorletzten Laufveränderung des Stromes erst fünf Jahre,
nachdem sie vor sich gegangen war, nach Europa, und
haben wir doch auch von der lettztcn Fluth, die sich im
Herbste des vorigen Jahres vollzogen hat, verhältnismäßig
sehr späte und lückenhafte Nachricht erhalten. Die Bahn, die
der Strom bei seinen Lausändernngen einschlug, lag bald an
den Fußhügeln des Tai-hang-shan, der von seiner mehrfach er
wähnten Anstrittsstelle aus dem Berglande bei Hwai-king-fn,
gegen Peking hin streicht (das war bis 602 n. Chr. der Fall),
bald an den Fußhügeln des östlichen Kuen-Lncn — des Sung-
shan und Fu-niu-shan —, der südwestlich von Kaifung-fu
in die Ebene hinabfällt, bald endlich im Nordosten und
bald im Südwesten an den Fußhügeln der Gebirge von
Shantung. Bald mündete der Strom unter dem Breiten
kreise von Peking bei Jüng-ping-fu in den Golf von Lian-
tong, bald ergoß er sich durch den großen Hnngt-se-See
unfern von der Jangtsekiang - Mündung in den offensten
Theil des Gelben Meeres, ja man darf sogar annehmen,
daß er sich zu Zeiten mit seinem gewaltigen Bruderstrome
vollständig vereinigte. In dem Raume dazwischen aber
schwankte die Lage seiner Mündung beständig hin und her,
und sie war bald identisch mit der Mündung des Peiho,
bald mit der des Ta-tsing-ho (1852 bis 1887), bald
endlich mit der des Hwei-Ho (vor 1852). Zu sagen, daß
die Laufänderungen, die der Hoangho vollzieht, einen ähn
lichen Umfang haben, wie wenn die Elbe abwechselnd bei
Hamburg und bei Stettin mündete, indem sie sich bei
Meißen bald nordostwürts, bald nordwestwürts wendete —
heißt immer noch ein bloßes Miniaturbild von den groß
artigen Verhältnissen, die hier vorliegen, entwerfen. Bei der
Fluth des letzten Jahres, die sich noch heute nicht vollkommen
wieder verlaufen hat, sollen nach einer Angabe aus Shanghai
7 Mill. (nach einer anderen 1 bis 2 Mill.) Menschen das
Leben verloren haben — so viel als in den beiden Königreichen
Bayern und Würtemberg wohnen —, und mehrere Tausend
Ortschaften, worunter sehr große und volkreiche Städte, sollen
dabei zu Grunde gegangen sein. Der Hoangho zerriß in
diesem Falle, von einem heftigen Nordwinde gepeitscht, die
Wasserscheide zwischen sich und dem Ku-lu-ho und raste nun
4 Nach H. B. Guppy jährlich 17% Milliarden Kulak- !
fuß, während der Mississippi nur 7% Milliarden Kubikfuß *) Vergl. R. Pumpelly, 6eol. reseurclles in China etc.,
und der Jnng-tse-kiang nur 6% Milliarden Kubikfuß führt, j p. 46 und Karten; sowie v. Richthofen, China, Bd. 2,
(Bergt. „Nature" 22, 606.) I S. 523 sf.