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Albin Fritsch
bis zu den Wechselhupftänzen und den Erweiterungen des Paartanzes, den Dreiertänzen,
die er mit der Beschreibung in „Meier Helmbrecht“ (Wernher der Gartenaere) aus dem
13. Jahrhundert und der Manessischen Liederhandschrift historisch belegt; bei der Behand
lung der Scherz- und Geschicklichkeitstänze in diesem Kapitel weist W. nachdrücklich
auf den Mißbrauch der Tanzscherze durch reisende Theatergruppen und sogenannte „Zug
nummern“ für den Fremdenverkehr hin, durch die das Volkskunstwerk Tanz oft bis zu
einem Zerrbild entstellt wurde. Ein von tiefer Verantwortung um Erhaltung und Leben
des künstlerischen Volksschaffens zeugendes Nachwort beschließt dies wertvolle Buch,
beschließt das reife Werk eines unermüdlichen Forschers, der den Stoff hierzu auf vielen
Forschungsfahrten in rund dreißig Jahren und durch umfassendes Literaturstudium ziel
bewußt und planmäßig gesammelt hat. Prächtige Bilder (zum Teil eigene Aufnahmen des
Verf.s) unterstützen vortrefflich den Text, ein Sachregister und das Schriftenverzeichnis der
wichtigsten Werke für die österreichischen Tänze und einiger Schriften zum Volkstanz in
Europa (mit einer Zusammenstellung der Quellenausgaben österreichischer Volkstänze)
ergänzen den Text.
Trotz — oder gerade wegen -— der eminenten Bedeutung von W.s Buch besonders für
die mit ähnlichen Schriften nicht allzu reichlich bescherte deutsche Volkstanzforschung
kann der Rez. jedoch nicht umhin, auch kritische Einwände anzumelden. Diese beziehen
sich in der Hauptsache auf einige von W. selbst als nicht gesicherte Deutungen bezeichnete
Stellen, besonders aber auf den Abschnitt Gestaltende Kräfte im I. Kapitel. Hier widerspricht
sich W. offensichtlich selbst: er geht einmal von der rein biologischen Auffassung eines
triebhaften Ursprungs des Tanzes aus, die in der Behauptung gipfelt, auch das Tier kenne
den Tanz. Und wenige Zeilen weiter nennt W. ganz andere Auslösungsantriebe, die er mit
Leichen- und Trauertänzen, Waffentänzen usf. belegt, und kommt zu dem Schluß: „Es
gibt kaum einen Bereich des Lebens, der tanzfrei bleibt.“ Hierbei gibt W. als Sinn dieser
Tänze u. a. die Abwehr böser Gewalten, Steigerung des Mutes, magisches Herbeiführen
des Sieges oder Erlangung vermeintlich überirdischer Kräfte an, also Funktionen des
Tanzes zur Erhaltung und Sicherung der Existenz, soziale Funktionen des Tanzes als künst
lerisch geformter Ausdruck naturwüchsiger Affekte. Das ist doch ein augenfälliger, ja
qualitativ entscheidender Unterschied zu noch so tanzähnlichen Bewegungen bei Tieren.
Es ist derselbe Unterschied, der die instinktive Ordnung eines „Ameisenstaates“ trennt
von der bewußten gesellschaftlichen Staatsordnung des Menschen, es ist der entscheidende
Unterschied, den einmal ein geistvoller Satiriker so treffend charakterisierte, indem er die
Existenz eines „Ameisenstaates“ negierte, da er noch nie beobachtet hätte, daß Ameisen
ihren „Staatsmännern“ Denkmäler setzten.
Solche Einwände gegen einige Ansichten W.s wollen und können indes in keiner Weise
den wissenschaftlichen Wert seines Buches für die Volkstanzforschung schmälern. Und
wenn W. im Nachwort seines Buches abschließend feststellt: „So müßten wir Stein um
Stein Zusammentragen, um das Mosaik zu vollenden“, so kann der Rez., so können seine
Leser und Freunde feststellen, daß W. bereits einen Teil dieses großartigen Mosaiks der
Volkskunst seines österreichischen Landes und auch Deutschlands zu schaffen begonnen
hat. Es ist ihm die Beweisführung überzeugend gelungen, „wie reich wir im Grunde sind,
wie gehaltvoll, schön und eigenartig die Überlieferung ist, die heute in unserer Hand
ruht“. Deshalb muß man verantwortungsbewußt, in Österreich wie in Deutschland, W.s
mahnenden Schlußsatz unterschreiben: „An uns wird es liegen, wieviel davon weiter
gegeben wird zu künftigem Leben, oder ob wir die Fäden reißen lassen, die von Vätern
und Vorvätern kommen bis in unsere Tage.“ Albin FRITSCH-Berlin
von der Au, Hans: Heit is Kerb in unserm Dorf, Tänze rechts und links der Saar. Kassel
und Basel, Bärenreiter, 1954, 81 und 54 S.
Mit der vorliegenden Veröffentlichung hat uns Hans von der Au noch ein Jahr vor
seinem Tode ein letztes großes Teilergebnis aus seinem ungewöhnlich reichen Sammelwerk