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Dr . Th . Achelis : Die Stellung Tangaloas in der polynesischen Mythologie .
der Materie als primäre Voraussetzung gilt . Einen Anfang in dem Sinne der landläufigen Schöpfungshypo - thesen kennt dagegen diese Dichtung nicht , vielmehr wird , wie im Buddhismus , so auch hier , wie Bastian bemerkt , der Standpunkt im Flufs des Werdens genommen , und so beginnt die Schöpfung mit der Entstehung einer neuen Welt aus dem Schattenreflex ^ einer vergangenen , das Ganze ( wie stets in Polynesien ) vom Po umhüllt , im Dunkel der Urnacht . Solche Urnacht deckt dort freilich jenes den Sinnen unzulängliche Jenseits , das , im satz zu Parmenides unbewegt starrem und einzigem Sein , für den Buddhisten nur durch die Negation erreicht wird , während in Polynesien auch darüber dunkles Schweigen lagert ( Heil . Sage der Polynesier , S . 69 ) .
Wir werden unseren Stoff nun so gliedern , dafs wir mit der mythologischen Persönlichkeit Tangaloas ( stammung , Nachkommenschaft u . s . w . ) beginnen , darauf seine demiurgische Thätigkeit betrachten , um so zu einem abschliessenden psychologischen Bilde des Gottes zu langen . Überall werden wir aufser den mafsgebenden und überall wiederkehrenden Zügen seines Charakters die bedeutsamen Abweichungen beachten , die auf den schiedenen Inselgruppen etwa hervortreten .
Die mythologische Entwickelung Tangaloas .
Aus dem Kreisen unendlicher Weltperioden treten die uralten Götter der Nacht , die Atua fanau po , ins Dasein , während die jüngeren Geschlechter Lichtgestalten sind und durch Halbgötter das Menschengeschlecht vorbereiten . In diesen Zusammenhang gehört das kostbare Kleinod , der Sang der Marquesasinsulaner , den wir der Sorgfalt des trefflichen A . Fornander verdanken , Te Vanana na Tanaoa , die Prophezeiung oder Urkunde von Tanaoa , aus der hier einige Verse angeführt sein mögen :
Im Anfang der Raum und Gefährte ,
Der Raum war der hohe Himmel ,
Tanaoa erfüllte , durchwaltet den Himmel ,
Und Mutuhei ( Schweigen ) schlingt sich darüber hin .
Keine Stimme damals , kein Laut noch war ,
Nichts Lebendes in Bewegung .
Noch Tag war nicht , noch war kein Licht ,
Eine finstere , schwarzdunkle Nacht .
Tanaoa wars , der die Nacht beherrscht ,
0 Mutuhei war ein durchdringender , gewaltiger Geist .
Aus Tanaoa hervor Atua entsprang ,
In Lebenskraft schwellend , mächtig und stark .
Atua wars nun , der den Tag beherrscht ,
Und Tanaoa ihn trieb es fort u . s . w . * ) •
Zwischen Atua und Tanaoa , Tag und Nacht , entbrannte nun ein wilder , feuriger Krieg , aus Atua entstand Ono , der Laut , Ton , welcher das Schweigen ( Mutuhei ) brach und aus dem Kriege zwischen Atua und Tanaoa , Ono und Mutuhei entstand Atanua ( die Morgendämmerung ) — die Uschas der Veden — die Atua dann zum Weibe nahm und mit ihr Tu - mea zeugte . Der ganze Mythus , in der Form einer Allegorie , ist , wie Fornander mit Recht bemerkt ( I , 219 ) , eine unschätzbare Perle der ganzen polynesischen Litteratur ; oh er freilich nach dem gewöhnlichen chronologischen Mafsstahe älter ist , als die Veden , wie derselbe Kritiker meint , ist wohl sehr schwer zu entscheiden , wenn man auch gern seinem Urteile beistimmen kann , er sei im Stil und Diktion und in der Auffassung durchaus arisch .
Dafs Taaroa in die Reihe der ältesten Götter gehört , bezeugt auch eine Tradition auf den Leeward - Inseln , wo er Toivi hiefs , d . h . ohne Eltern und von Ewigkeit her existierend . Er sollte zwar einen Körper haben , der aber
' ) Vgl . Fornander , Account of the Polynesian Race , its Origin and migrations . 3 Bände . London 1878 ff . I , 63 und I , 114 , Bastian , Heil . Sage , S . 13 und Ellis , Polynesian ches II , 191 .
für die Sterblichen unsichtbar war . Nach unzähligen Jahreszeiten zerbrach er seine paa , Schale oder Körper , wie Vögel ihre Federn abwerfen oder Schlangen ihre Haut , und durch diese Mittel nach Zwischenräumen unendlicher Zeiten wurde sein Körper erneuert . Er wohnt in dem rewa oder höchsten Himmel allein . Seine erste That war die Schöpfung von Hina , welche auch seine Tochter genannt wurde . Zahllose Alter vergingen , als Taaroa und seine Tochter die Himmel , die Erde und die See machten ( nach Ellis II , 193 ) . Das Zerbrechen der Schale ( bekanntlich ein sehr häufiges mythologisches Bild , so bei den Indern , Ägyptern , auf Neuseeland u . s . w . , vgl . Lukas , die Grundbegriffe in den Kosmogonieen der alten Völker , S . 261 ff . ) wird ebenfalls in Raiatea , einer der Gesellschaftsinseln , berichtet ; nach dieser Tradition lebte der Gott anfangslos und unsichtbar in einem vom Himmel herahhängenden Ei , das er von Zeit zu Zeit zerbrach ; alsdann wurde die Welt gröfser und gröfser , bis sie ihren vollen Umfang erreicht hatte . Er soll eine Frau gemacht haben , welche er selbst heiratete , und mit ihr von Insel zu Insel zog , indem er in einer jeden eine schiedene Gestalt annahm , als ob er ein anderer Gatte wäre , bis sie in jeder eine Familie von Kindern hatten und so alle Inseln bevölkerten ( nach Tyermann bei Bastian , Zur Kenntnis Hawaiis , S . 569 ; Heil . Sage , S . 12 ) . Auf Mangaia ist er Zwillingsbruder Rongos , Kinder von Vatea oder Avatea ( Mittag ) , dem Vater der Götter und Menschen — übrigens identisch mit dem hawaiischen Wakea — und Papa ; er trat seinem Bruder die geburt ah und wurde aus dem Kopfe Papas geboren oder aus einem Abscess am Arm . Tangaroa war der klügste und anstelligste unter allen Söhnen des Vatea , er unterrichtete seinen Bruder Rongo ( hawaiisch Lono ) in allen Künsten und Fertigkeiten , weshalb Vatea ( sehr gegen den Willen seiner Gemahlin ) ihm das ganze Erbe zu hinterlassen wünschte . Da wurde folgende Teilung vereinbart : Alle roten Früchte auf der Erde und im Ocean wurden Tangaroas Eigentum , der Rest , der bei weitem gröfsere Teil , fiel Rongo zu , so dafs dieser viel reicher wurde . Die helläugigen Kinder gehörten falls Tangaroa , die dunklen Rongo ( so dafs z . B . Cook seines hellen Aussehens halber für einen Abkömmling Tangaroas gehalten wurde , während freilich nach einer andern alten Weissagung der englische Kapitän auf den Sandwichinseln und auf Hawaii als Repräsentant Rongos galt und als solcher gefeiert wurde ) . Aber auf manchen andern Inseln ist die beherrschende Stellung Tangaroas noch völlig unangetastet ; so ist auf Atiu z . B . Rongo oder wie er dort heifst , Te - rongo , der Sohn jenes mächtigen Gottes , ebenso wie auf Samoa Lono sein Nachkomme von Sina ist ( vgl . zu dem Ganzen Gill , Myths and Songs from the South Pacific , London 1876 ,
S . 13 ff . und Bastian , Zur Kenntnis Hawaiis , S . 70 , Heil . Sage , S . 130 ) . Ähnliche Überlieferungen hat White auf Neuseeland vorgefunden ; hier ist Tangaroa oderTakaroa vermählt mit Papa , die während seiner Abwesenheit sich mit Raki ( Rangi ) einläfst , der in einem Kampfe durch den Speer des heimkehrenden Gottes verwundet wird , so dafs er dann mit Papa Generationen der Verkrüppelten erzeugt . ( Es folgt dann die poetisch angehauchte zählung über die gewaltsame Trennung der Erde und des Himmels — Papa und Rangi — durch Tane , Vgl . White , The ancient history of the Maori , Wellington 1887 6 Bände , I , 24 ff . und eine abweichende Version von Manning bei Bastian , Heil . Sage , S . 29 ff . und Oceanien , S . 142 ff . )
Alle diese Berichte über die Abkunft und Stellung dieses höchsten aller Götter stimmen in den Hauptzügen , wie wir uns überzeugt haben , überein — mit der einzigen ,