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Eberhard Fischer und Noa Zanolli
gelegt wird, wie eine Monographie zustande kommt, solange nicht klar
aufgezeigt wird, nach welcher Methode die Feldaufnahme durchge
führt worden ist, und solange die Fakten, die zur Darstellung des Kul
turbildes dienen, nicht einsichtig mitgeteilt werden, kann es sich nicht
um eine überprüfbare * 4 Darstellung handeln. Einer solchen Arbeit muß
wissenschaftliche Exaktheit abgesprochen werden, auch wenn sie inter
essante Einzeldaten bietet.
Die Überprüfbarkeit der dargelegten Daten ist nun für jede Art von
Ethnologie 5 von größter Bedeutung. Solange nämlich verschiedenwertige
Daten als vergleichbare Einheiten zueinander in Beziehung gesetzt wer
den, sind alle Versuche des Kulturvergleichs fragwürdig. Zwar wurde
von ethnologischer Seite mehrfach gefordert, daß jedes ethnographische
Datum überprüfbar sein müsse 6 ; in bisherigen Kulturdarstellungen ist
diese Forderung jedoch nie hinreichend erfüllt worden. Ursache hierzu
scheint uns die Tatsache zu sein, daß eine zulängliche theoretische
Grundlage für die Methode der Ethnographie fehlt 7 . Desgleichen fehlen
allgemeine Darlegungsprinzipien für ethnographische Daten, die einer
funktionalen, strukturalen, psychokulturellen oder historischen Analyse
nicht vorgreifen. Unsere Arbeit soll einige Ansatzmöglichkeiten für
decken wollen (Beattie, 1964 :84) und Einzeldaten nur als schmückendes Bei
werk, als Illustration, ansehen (Evans-Pritchard, 1940:261; Beattie, 1964:
74). Die Forderung, daß Ethnographie nicht auf die Herausstellung von Re
geln — und mögen sie noch so wichtig zum Verständnis einer fremden Kultur
sein — eingeengt werden darf, ist heute jedoch besonders wichtig, weil
ethnographisches Material für alle Kultur-Wissenschaften von Bedeutung ist.
4 Die Forderung, daß alle Daten überprüfbar sein müssen, stellen schon
Graebner (1911 :9) und Mauss (1947 :5), wobei der eine (1911 :9) zur Auf
findung der Daten Intuition fordert, der andere (1947 :5) jedoch strikt ab
lehnt. — Daß die gesammelten Fakten mit dem Kulturbild aufgezeigt und
von der Analyse getrennt mitgeteilt werden müssen, fordert vor allem Radin
(1966 2 :104 f.). — Zum Problem wissenschaftlicher Überprüfbarkeit vergl.
Jahoda (1956 2 :77). Die gesammelten Daten über eine Kultur durch Mittei
lungen von deren Nachbarn prüfen zu wollen (Herskovits, 1954 :23) ist ein
problematischer Vorschlag.
5 Unter Ethnographie verstehen wir die Gewinnung empirischer Fakten
über eine Kultur, unter Ethnologie die Bearbeitung dieser Fakten zu Daten
für KulturdarStellungen. Jede weitere Verarbeitung der Daten, z. B. in einem
Kulturvergleich, wird im folgenden ebenfalls Ethnologie genannt. Praktisch
läßt sich die Aufgabe des Ethnographen von der des Ethnologen jedoch nicht
trennen (vergl. Mühlmann, 1938 : 8). — Wir engen den Begriff „Ethnographie“
bewußt und nur für diese Abhandlung ein, um die beiden Methoden, Be
schreibung und Analyse, schärfer voneinander zu trennen. Eine generelle
Unterscheidung zwischen Ethnographie und Ethnologie gibt Lévi-Strauss
(1967 2 :12).
6 So z. B. Radin (1966 2 [1933] : 104 f.) ; Mühlmann (1938:108); Lindesmith-
Strauss (1965 2 : 442). Vorliegende Arbeit ist in vielen Details durch Arbeiten
von Mühlmann angeregt worden.
7 Die bekannten Handbücher für Ethnographen, wie z. B. Notes and Que-
ries, Royal Anthrop. Institute of GB. and I., 1965 8 , geben alle praktische An
weisungen zur Feldforschung. Theoretische Grundlagen werden jedoch nicht
explizit erwähnt. Sie fehlen auch bei Abraham, 1908; Mauss, 1947; Griaule,
1957.