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Volltext: Zeitschrift für Ethnologie, 69/70.1937/38

  
Der Begriff der Vaterschaft bei den Mohave-Indianern. 13 
Fassung des diesbezüglichen Materials den Forschern nicht allgemein zu- 
gänglich ist*). 
Die Mohave-Indianer wohnen an beiden Ufern des Coloradoflusses 
zwischen Needles (California) und Parker (Arizona). Sie gehóren zum 
Yuma-Sprachstamm. 
Verschiedene Forscher nahmen an, daß Träume eine Grundbedingung 
der Empfängnis sind?). Im Lichte meiner Forschungen erweist sich diese 
Annahme als unhaltbar. Die in Frage kommenden Träume sind von der 
Art der üblichen ‚,Potenzialträume*‘‘. Sie geben den Eltern die körperliche 
Fähigkeit, Kinder zu erzeugen, jedoch erzeugen Träume keine Kinder. 
Der Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau ist die nötige und ge- 
nügende Ursache der Empfängnis. Dabei spielen Vater und Mutter eine 
gleichwertige Rolle. Besonders günstig ist der sechste oder siebente Tag, 
der dem Aufhören der Menstruation folgt. 
Findet Begattung an diesen Tagen statt, so ist es hóchst wahrschein- 
lich, daß Empfängnis ebenfalls stattfinden wird. Sehr ungünstig dagegen 
ist die dritte Woche nach der Menstruation. 
Während des Orgasmus findet die Entladung des männlichen und des 
weiblichen Samens statt. (Der weibliche Samen ist zweifelsohne die Se- 
kretion der bartolinischen Drüsen.) In der Empfängnis spielt jedoch der 
weibliche Samen keine Rolle. 
Eine einzige Begattung genügt, um die Empfängnis zustande zu 
bringen. Der männliche Samen spielt die Rolle des Töpfers oder Bildhauers. 
Er koaguliert das Menstrualblut und bildet daraus ein Lebewesen. Sobald 
sich der Samen mit dem Blut mischt, glauben die Mohave, daß das Kind 
lebt und vier Seelen hat. Diese Seelen jedoch sind kein Teil der väterlichen 
oder mütterlichen Seelen. Sie sind ein Beiprodukt des ,,Zustandes der 
Lebendigkeit‘ in dem sich das Embryo befindet. (Eine Ausnahme bilden 
nur die Seelen der Zwillinge, die seit aller Ewigkeit vater- und mutterlos 
im Himmel leben und sich im Augenblick der Empfängnis in den Leib der 
zukünftigen Mutter einschleichen?). 
Wird die Begattung nach der Empfángnis vom selben Mann mehrere Male 
wiederholt, so vergrößert diese Handlung die Ähnlichkeit des Kindes mit 
dem Vater. Während den ersten sechs Mondmonaten nährt sich das Embryo 
an dem Samen, den der Mann, der mit der Schwangeren Geschlechts- 
verkehr hat, entladet. Schwangerschaft dauert zehn Mondmonate (d. h. 
die Dauer von zehn Menstruationen). 
Nach dem Verlauf dieser Zeit fängt das mütterliche Blut an, sich aus 
dem Leibe des Embryos zu entfernen. Es wird gleichsam herausgeschwitzt 
und wird irgendwo im Uterus bis zur Geburt aufbewahrt. Frauen, die bei 
der Geburt nur wenig bluten; können bald wieder auf ein Kind hoffen. 
Sollte die Schwangere den Mann verlassen, mit dem sie das Embryo 
erzeugt hat und mit einem anderen Manne Geschlechtsverkehr haben, so 
entsteht eine Verwirrung in der Zuweisung der Vaterschaft. Sollte der 
zweite Mann auch ein Mohave-Indianer sein, so nimmt man an, daß ent- 
weder der erste oder der zweite Mann der Vater des Kindes sei. Die Vater- 
schaft wird dem Manne zugewiesen, der länger als der andere während 
1) Devereux, George, Sexual Life of the Mohave Indians. An Interpretation 
in Terms of Social Psychology. (Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde, 
University of California, 1935). Manuskript im Besitz der Bücherei der Uni- 
versität von Californien) 173, VIII Seiten, S. 18ff. 
2) Z. B.: Forde, C. Darryl, Ethnography of the Yuma Indians. University 
of California Publications in American Archaeology and Ethnology, Bd. 28, 
S. 158. 
3) Devereux, George, Mohave Soul Concepts. American Anthropologist 
n. s. Bd. 39. Juli 1937. : > 
 
	        
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