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Religionsformen der Pangwe. 887
artigen Versuch gegen dieses Naturgesetz Einspruch zu erheben, indem
er sagt: Gott hat die Schlange geschickt oder — von obiger Sagenform
ganz abgesehen — hat alle die Einflüsse geschaffen, die sich dann gegen
den Menschen wenden, es war das sein Wille, dass das Böse in die Welt
kam. Heiligen wir also alles Böse und sagen: Wille Gottes, dann ist es
gut und wir können es ruhig weitertun. Und so haben sie das grosse
Kunststück fertiggebracht, gut gleich böse zu machen. Es ist da von
Wichtigkeit, dass der Gesamtname nicht nur für den Kult . des Bösen,
sondern auch den des Guten, nsem also Sünde, böses Tun heisst oder
aber, da die Sünde Wille Gottes ist, wenn man will, heilige Handlung.
Ich nenne alles Kult, was der Pangwe in dieser Verbindung als nsem
bezeichnet, dazu gehört auch der Ahnenkult. Nun systematisch weiter:
Teilung aller Sachen in Gut und Böse, und endlich Kult des Bösen allein —
oder Kult des Bösen mit dem Guten vereinigt und Siegenlassen des Guten,
weil man doch nicht gut anders kann, und als letztes Kult des Guten.
Ich habe vermieden, bisher vergleichende Hinweise auf die Religion
anderer afrikanischer Stämme vorzuführen, zumal wir ja auch so wenig
darüber wissen, ich muss aber an dieser Stelle darauf aufmerksam machen,
wie wichtig gerade die Kultformen für eine vergleichende afrikanische
Volkskunde sind. Man könnte vielleicht denken, dass bei älteren ursprüng-
licheren Kulturen der Glaube verbreiteter wäre, dass die Seelen Tiere
werden, dass die Vorfahren der Menschen Tiere gewesen sind.
Man hat einen solchen Glauben als Totemismus bezeichnet. Nun
kennen aber bezeichnenderweise die Pygmeen — wenn ich auf die Mit-
teilungen eines Pygmeen, der in meinen Diensten stand, Wert legen
kann, — das Wesen der Seele überhaupt nicht, es giebt nicht einen
einzigen Kult weder des Guten noch des Bósen bei ihnen und das Wesen
des Korpers, das vorhanden ist, dussert sich nur nach der schlechten Seite.
Daraus wiirde hervorgehen, dass der Kult des Guten, wie ihn die Pangwe
haben, erst eine spitere Folge ist, vielleicht eine Erbschaft der Hamiten.
Wo also bei den P. der Kult des Guten nicht vorhanden ist, wie bei
den Jaundes, scheinen fremde Elemente vorzuliegen und in der Tat sind
die Jaundes offenbar ein fremder Bestandteil aus Norden von den Bati
eingewandert, der die Pangwesprache sozusagen nur angenommen hat.
Doch das nur nebenbei. Jedenfalls ist auch bei den Kulten eines sicher:
Die Pangwe sehen in den dargestellten Figuren nicht die Tiere oder
Menschen, deren Gestalt sie haben, sondern sind sich bewusst, dass es sich
hier um Darstellung, Verkórperung von Anschauungen handelt, es also
vewissermassen ein "Theater, ein Schauspiel ist, in dem Gut und Böse als
Tiere verkleidet, auftreten und gegeneinander ausgespielt werden. Wie
wäre es sonst möglich, dass gerade von den Eingeweihten die betreffenden
Tiere gegessen werden dürfen, von Uneingeweihten dagegen nicht. Doch
die Tiere sind nur eine Verbildlichung der grossen Naturerscheinungen,
vor allem der Gestirne, an erster Stelle des Mondes, dann aber auch des
Feuers und des Wassers. Ich glaube, ich kann jetzt gleich überspringen
auf die Kulte der Südpangwe. Wir_haben da in der Hauptsache vier,
eine Weiterung bilden sechs, es gibt aber auch acht. Und so kann sich
Zeitschrift für Ethnologie. Jahrg. 1909. Heft 6.
(C
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