324
Ingeborg Müller und Ulrich Bentzien
rungen von Wachsmann über „Afrikanische Harfen und die Wanderungen ethnischer
Gruppen“, weil der Referent die in der Musikethnologie bislang vernachlässigte historische
Betrachtungsweise in den Mittelpunkt rückte. Auf ein ebenfalls wenig bearbeitetes Feld
wies B. Bayer mit ihrem Vortrag über „Die ersten Saiteninstrumente im Nahen Osten“ hin.
Sie forderte mit Recht eine engere Verbindung von Archäologie und Instrumentenkunde.
Das ohnehin randvoll gefüllte Programm, dessen Bewältigung bei den ungewohnten
klimatischen Verhältnissen von allen Teilnehmern größte physische und psychische An
strengungen erforderte, wurde durch zahlreiche Konzertveranstaltungen ergänzt. Besonders
dankbar war man für eine von E. Gerson-Kiwi vorzüglich arrangierte Demonstration der
verschiedenen Typen biblischer Kantilation und der Volksmusik von mehreren jüdischen
Volksgruppen. Wenig befriedigen konnten dagegen die Darbietungen auf dem Volkstanz-
Festival in Beth Berl am letzten Konferenztag.
Auf der Generalversammlung der IFMC wurde Dr. Maud Karpeles, die als Honorary
Secretary der Gesellschaft seit ihrer Gründung im Jahre 1947 ihre Arbeitskraft zur Ver
fügung stellte und nun aus gesundheitlichen Rücksichten zurücktrat, für ihre fruchtbare
und überaus verdienstvolle Tätigkeit durch die Ernennung zum Ehrenpräsidenten gedankt.
Gleichzeitig wurde beschlossen, die nächste Jahrestagung des IFMC 1964 in Budapest
abzuhalten.
Ungarischer Ethnographischer Kongreß
Budapest 1963
Von Ingeborg Müller und Ulrich Bentzien
Veranstaltet von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, fand in Budapest vom
16. bis 20. Oktober der Ungarische Ethnographische Kongreß statt. In weitgespanntem
Rahmen wurde ein beträchtlicher Umkreis ethnographischer Probleme abgeschritten, wobei
den Fragen der Folklore und der materiellen Volkskultur gleiche Bedeutung zugemessen
war. Die Erforscher der geistigen Volkskultur hatten außerdem die Möglichkeit, sich auf
Sektionssitzungen, die sich mit Fragen der epischen Folklore sowie den Beziehungen
zwischen der Folklore zentral- und osteuropäischer Kulturen befaßten, über neue Ergeb
nisse auf ihrem Forschungsgebiet zu orientieren.
Mit seinem Vortrag Zwischen Ost und West vor dem Plenum des Kongresses akzentuierte
Gyuia Ortutay das Anliegen der gesamten Tagung, indem er am Beispiel seines Heimat
landes den Aufgabenkreis der europäischen ethnographischen Forschungen absteckte und
den Weg zu neuen Methoden wies, die über die komplexe Erforschung der einzelnen
Volkskulturen und ihrer gegenseitigen Verflechtungen in eine Ethnographie Europas
münden sollen. Ohne eine solche Konzeption ist Verständnis und gültige Interpretation
nationaler wie regionaler Kulturen, ethnischer Verschiedenheiten und organischer Be
ziehungen nicht möglich. In ethnischer und historischer Hinsicht spiegelt neben anderen
europäischen Staaten besonders Ungarn als „Europa im Kleinen“ in Vielschichtigkeit
und Einheit die große europäische Völkerfamilie wider. Uber die traditionellen Methoden
der vergleichenden historischen Untersuchungen hinaus seien neue Wege erforderlich und
in Spezialuntersuchungen bereits beschritten (Bartök, Vargyas, Roheim), die Proportionen
von Bewahrung und Weiterbildung einheimischer Überlieferungen einerseits, von Auswahl,
Übernahme, Assimilation und Ausscheidung fremder Elemente andererseits sowie die
Verschmelzung beider zu erforschen. Gelegen zwischen Ost und West, Einflüssen aus
beiden Richtungen offen und andererseits selbst Einfluß ausstrahlend und vermittelnd, sei
Ungarn auch hier ein geeigneter Modellfall für Untersuchungen, die derart durch die Er
hellung der autochthonen Entwicklung einer Volkskultur in ihren historischen Bezügen
die Erforschung ihrer Beziehungen zu den umliegenden Völkern auf allen Sektoren