wirtschaftlichen Umgestaltung und mit ihr im Zusammenhang gingen der
Abbau der feudalen Gesellschaftsorganisation, die Emanzipation des Bauerntums
und die politischen und kulturellen Bewegungen zur Schaffung und Erneuerung
von Nationalstaaten und Nationalkulturen vor sich. Die kulturellen
Bewegungen schöpften viel aus den bäuerlichen Traditionen - deshalb baute
jedes Land seine eigene nationale Volkskunde aus - ‚ und ihre Wirkung erreichte
dank dem neuen Kommunikationsmitteln und der allgemeinen Schulpflicht
usw. bald die Dörfer.
Die Industrialisierung und Modernisierung lockerte überall in der Welt die
bäuerlichen und die "primitiven' Kulturen und verdrängte sie mehr und mehr.
[n der eigentümlich widersprüchlichen Situation, die herrschte, als diese Vorgänge
in Ost-Mitteleuropa einsetzten, gab es eine Periode von kürzerer oder
längerer Dauer - in Ungarn zwischen Anfang des 19, und Anfang des 20. Jahrhunderts,
je nach Gegenden unterschiedlich - als die Dorfbewohner imstande
waren, eine neue, farbige, reiche Bauernkultur zu schaffen. Es war eine
Übergangskultur, die gegensätzliche Komponenten vereinigte, Die Dörfler,
obwohl noch im bäuerlichen Wertsystem vergangener Jahrhunderte verankert,
bedienten sich bereits der neuen materiellen und technischen Mittel der Agrarkonjunktur,
waren von initiativer Lust und Mobilität der Modernisation, dem
Bewußtsein neuer politischer Rechte und nationaler Kultur erfüllt. Was in
dieser Periode an Volkskunst, Volkstrachten und Volksmusik entstand, unterscheidet
sich von den früheren Fronbauernstilarten gerade durch die erhöhte
Selbständigkeit und die betonte Bäuerlichkeit. Die im Entstehen begriffene
Volkskunde beschrieb vor allem diese "blühende'' bäuerliche Kultur, die
auch heute von großer Bedeutung für die ungarische Kultur ist. Der Wechsel
zu diesem selbstbewußten, blühenden bäuerlichen Stil, dann wiederum zu
einem neutraleren, farbloseren, man möchte sagen enttäuschten Stil, vollzog
sich oft recht schnell, so daß man dabei an mehr oder weniger bewußte
Entscheidungen lokaler bäuerlicher Gesellschaften denken muß,
In Ungarn kann man im 19. Jh, drei Phasen der bäuerlichen Kultur unterscheiden
- die unter sich auch kleinere Abschnitte und Varianten erkennen lassen - ;
je nachdem, wie sich die Situation der Bauernschaft in der im Wandel begriffenen
Gesamtgesellschaft veränderte, Diese Art der Anschauung ermöglicht
Vergleiche zwischen Ländern und Landschaften, wobei man die Ähnlichkeiten
und Abweichungen in der Struktur der Gesamtgesellschaften und in ihnen die
Situation des Bauerntums untersucht: man kann sogar eine Typologie der
europäischen bäuerlichen Gesellschaften und bäuerlichen Kulturen erarbeiten.
Literaturhinweise:
Peasant society, peasant culture
Redfield, Robert Peasant Society and Culture, Chicago, Chicago
University Press 1956.