Die Ausstellungsgruppe Ottensen entwickelte neue Formen der Geschichtsarbeit
im Hamburger Stadtteil Ottensen: Zusammen mit den
Bewohnern erkundeten wir die Alltagsgeschichte des traditionsreichen
Arbeiterstadtteils. Ausgangspunkt unseres Interesses:
Lebens- und Arbeitsbedingungen der sogenannten kleinen Leute
im ehemaligen Bauern- und Handwerkerdorf des 18. und beginnenden
19. Jahrhunderts
in dem seit Mitte des 19. Jahrhunderts boomartig zur Arbeiter-Industriestadt
anwachsenden Ort mit einer starken Arbeiterbewegung
in dem heutigen Sanierungsstadtteil mit hohem Ausländeranteil
und drohender Grundstücksspekulation.
Wir sammelten Alltagsgeschichten zu Wohn-, Arbeits-, Freizeitund
sozialen und politischen Verhältnissen - über 60 Interviews
waren neuartiges, bisher in Museumsarbeit wenig beachtetes Quellenmaterial
zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eines Ortes, Zugleich
kamen diejenigen, die die Geschichte mitgestaltet und gemacht
hatten und heute machen, zu Wort, wo bisher nur die "Oberen"
hörbar und in der Schausammlung des Museums präsent waren.
Die Ausstellungsvorbereitung dauerte drei Jahre - wir gründeten
den Verein "Stadtteilarchiv Ottensen, Sammelstelle für Geschichte
und Geschichten" als Anlaufstelle im Stadtteil mit eigenen Räumen,
machten Veranstaltungen zu Stadtteilgeschichte und aktuellen
Fragen (Rundgänge, Ausstellungen) und weckten zunehmendes
Interesse der Bewohner zur Mitarbeit. So kamen für Ausstellungen
und Stadtteilbuch Materialien zusammen, die in den Museumsarchiven
nur unzureichend vorhanden waren.
Auch nach Ausstellungseröffnung im November 1982 ging die Arbeit
weiter: Die Ausstellung wird laufend ergänzt durch neu hinzukommendes
Foto-, Dokumenten- und Informationsmaterial, das uns Besucher
(angeregt durch die Ausstellung) bringen. Stadtteilrundgänge,
Dia- und Filmvorführungen und Diskussionsveranstaltungen
zu historischen und aktuellen Themen (Geschichte der Glasarbeiter
und der Glasindustrie in Ottensen, Probleme der Stadt- und Verkehrsplanung
u.ä.) begleiten und aktualisieren die Ausstellung.
Ein weiterer Teil unserer Arbeit ist außerhalb des Museums im
Stadtteil selbst zu sehen: an verschiedensten, von den Bewohnern
benutzten Orten wie Bücherhalle, Rathaus, Jugend- und Kommunikationszentrum,
Läden, Kneipe, sind kleine Ausstellungen zu Aspekten
der Geschichte und Gegenwart des Stadtteils zu sehen. Wir
wollen damit die Bewohner "vor der Haustür" antreffen, sie anregen
und einbeziehen in die weitere Geschichtsarbeit:; vielleicht
können diese dezentralen Ausstellungen auch beitragen, Hemmschwellen
abzubauen vor einem Museumsbesuch.
Mit unseren inhaltlichen Ansätzen und der Art, wie wir Stadtteilgeschichte
zusammen mit den Betroffenen aufarbeiten, wollten wir
auch neue Formen der Museumsarbeit (Forschung, Präsentation,
Aktualisierung) erproben - wie das in eine Institution hineinwirken
kann, wird sich zeigen.
A