ABSTRACTS
Dies geht so weit, daß die Figur des „Ostjuden” schließlich zum pars pro toto der Judenheit
wird.
Die Popularität und Verbreitung eines „ostjüdischen” Stereotyps im Bilderbogen und in
der illustrierten „Massenpresse” seit Mitte des 19. Jahrhunderts erzwingen geradezu eine
Bild-Erkundung, die über das ikonographische Vergleichen hinausgeht. In der bisherigen
volkskundlichen „Imagerieforschung” bediente man sich oft nur des semiotischen
Vokabulars, Die tatsächliche Anwendung der Zeichentheorie fand zwischen den Zeilen
statt, obwohl sie im Bereich der Erforschung bildlicher Stereotypen wertvolle Dienste als
Gliederungsprinzip und im Aufdecken der Zeichenbezüge leisten kann. Die visuelle Darstellung
der „Ostjuden” erfährt in Witz- oder erläuternden Bildtexten zumeist ihr sprachliches
Pendant. Diese Wechselwirkung von dialektgefärbter, „jiddelnder” Sprache und
visuell dargebrachtem Zeichenrepertoire soll untersucht werden, um eine Annäherung
an den Fragenkomplex „Ostjude als Zeichen?” zu erreichen. Auch der offensichtliche
Wirklichkeitsbezug zwischen schwarzem Mantel („Kaftan“) und Kopfbedeckung im Bild
und denselben Attributen in der Lebensrealität orthodoxer Juden steht zur Diskussion.
Gudrun Silberzahn-Jandt, Esslingen: Die „Gleichschaltung“ in den Jahren
1933/1934 und die Zeichenhaftigkeit von Dingen
„Ein gebrauchter Fußball“ ein „Saalfahrrad” eine „Fahne, ein „Aushängekasten” all dies
waren Gegenstände aufgelöster Arbeitervereine von Dörfern auf den Fildern. Der
Bezirksnotar hatte diese Dinge buchhalterisch genau aufgelistet und auf ihren materiellen
Wert geschätzt.
Im Vordergrund der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um Symbole im Nationalsozialismus
standen bisher vornehmlich solche, die die Herrschaft der Nationalsozialisten
manifestierten. Das waren immer wiederkehrend gleiche, den Machtanspruch
bekröftigende Symbole wie z.B. das Hakenkreuz, der Hitlergruß oder die Symbolik in
den nationalsozialistischen Feiern.
Um der eigenen Symbolgewalt eine Monopolstellung zu verschaffen, wandten die
Nationalsozialisten Gewalt an, untersagten den Gebrauch der Symbole der Arbeiterbewegung
und zerstörten oder vernichteten diese bildhaften Zeichen. Gleichzeitig besetzten
sie im ganzen Reich Orte, Plätze und Handlungen mit ihren Symbolen.
Kaum bekannt ist jedoch, daß Vereinsvorstände gleichgeschalteter Vereine versuchten,
Symbole der Arbeiterkulturbewegung zu erwerben. Noch weniger weiß man darüber,
wie sie agierten und argumentierten, Bilder und Zeichen umdeuteten und z. B. erreichten,
eine Fahne eines ehemaligen Arbeitervereins in ihr Eigentum zu übernehmen. Anpassung
ebenso wie listiges, widerständiges Agieren kommen bei diesen Diskussionen zum
Vorschein, die sich zwischen Verwaltungsmännern und Nationalsozialisten auf der einen
Seite und Vertretern der nunmehr gleichgeschalteten Vereine auf der anderen Seite ent.
spannen. Über die Rolle der Frauen, die Embleme der Arbeiterkulturbewegung aus den
Fahnen entfernen und neue aufsticken sollten, diese Arbeiten aber oft verzögerten, lassen
sich nur Vermutungen anstellen.