ANGELEGENHEITEN DER DGV
Disziplinen und Ressourcen. Zugleich verwies die Referentin auf die Allgegenwärtigkeit
des Merkmals Konkurrenz. Prestige oder Reputation ist konvertierbar. Wer in
Organisationen Reputation erlangt, gilt auch fachlich als kompetent, wobei unterschieden
werden muß zwischen Prestige in der Lehre und Prestige in der Forschung. Beim
organisationalen Handeln wird Macht akkumuliert. Die Organisation ist „gate-keeper“”,
sie entscheidet, ob Laien zu Experten werden, d.h. einen Hochschulabschluß erwerben.
Aus der Entscheidungskompetenz entsteht Macht.
Frauen werden an Hochschulen nach wie vor häufig ausgegrenzt und sind damit in
der Organisationskultur marginalisiert. Sie haben somit schlechte Chancen, ihre erworbene
Reputation in Macht umzusetzen und an Entscheidungsprozessen zu partizipieren.
Die Fragen, welchen Standort Frauenforschung an den Universitäten hat und
inwiefern eine Integration in die wissenschaftspolitische Landschaft stattgefunden hat,
stellte Edith Kirsch-Auwärter zur Diskussion. Als wichtiger Punkt kristallisierte sich die
zuerst von Carola Lipp geäußerte Forderung heraus, eine größere Transparenz von
(Berufungs-) Verfahren an Hochschulen zu erreichen.
Ein vorgesehener Vortrag von Elisabeth Katschnig-Fasch (Graz) mußte leider entfallen.
Statt dessen referierte Christina Niem (Mainz) über die erste habilitierte Volkskundlerin,
Lily Weiser-Aall (1897—1987). Als Schülerin des Wiener Germanisten Rudolf Much
veröffentlichte sie 1927 ihre Habilitationsschrift zum Thema „Altgermanische Jünglingsweihen
und Männerbünde” und erlangte im folgenden Jahr die Venia legendi für Germanische
Altertums- und Volkskunde. Mit ihrer Zusammenführung von Ansätzen aus
verschiedenen Disziplinen etablierte sie in den zwanziger Jahren ein neues Germanenbild.
Ihre ‚Männerbund-Ideen” wurden in der Folge von Otto Höfler und Richard Wolfram
aufgenommen, die mit ihren Forschungen der nationalsozialistischen Ideologie in
hohem Maße entgegenkamen. Lily Weiser hielt nur wenige Lehrveranstaltungen als
Privatdozentin an der Universität Wien ab, denn gleich nach ihrer Habilitation heiratete
sie den norwegischen Professor für Philosophie und Psychologie, Anathon Aall. In
Oslo lebend, arbeitete sie als Privatgelehrte weiterhin wissenschaftlich und widmete
sich in den dreißiger Jahren vor allem psychologischen Themen. Während dieser Zeit
wurde sie in die Norwegische Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Auf die
Tatsache, daß sie während der Besetzung Norwegens, zumindest im Jahr 1943, auf der
Gehaltsliste des SS-Ahnenerbes stand, hat Olaf Bockhorn aufmerksam gemacht. Von
1946 bis 1968 arbeitete sie als Kuratorin am Institut für Norwegische Ethnologische
Forschung in Oslo. Bis ins hohe Alter publizierte sie und blieb an der Entwicklung des
Faches Volkskunde interessiert.
Nach der Mittagspause tagte die Kommission unter der Leitung von Sabine Gieske
und Christel Köhle-Hezinger, die auch weiterhin die Kommissionsgeschäfte in Marburg
führen werden. Im Mittelpunkt der Diskussion stand der DGV-Kongreß, der dort
im September 1997 mit „Männlich — Weiblich“ das ureigenste Forschungsfeld der Frauenkommission
zum Thema haben wird. Nach einhelliger Meinung der Tagungsteilneh-