Forschungsforum
Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Frankfurt/M. (Gisela Welz):
„Die Ortsmonographie als Wissensformat, Am Beispiel der Gemeindeforschung im 20.
Jahrhundert“. Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Antonia Davidovic-Walther
Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Göttingen (Regina Bendix):
„Enzyklopädie als Wissensformat. Das Beispiel der volkskundlichen Erzählforschung“.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Michaela Fenske
Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde, Kiel (Silke Göttsch): „Volkskunde
als „Heimatwissenschaft“: Region und Ethnos. Das Beispiel Schleswig-Holstein 1920-1940“.
Wissenschaftliche MitarbeiterInnen: Jenni Boie, Carsten Drieschner
Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, Tübingen (Bernhard Tschofen):
„Konstituierung von Region als Wissensraum. Der Beitrag von Volkskunde und
Sprachforschung in Württemberg (1890-1930)“. Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Lioba
Keller-Drescher
Der inhaltliche Grundgedanke dieses Verbundes lässt sich so skizzieren:
Im Rahmen der aktuellen Debatten um die Rolle der Wissenschaften in der „Wissensgesellschaft“
wird häufig der Anspruch auf Praxisrelevanz von Wissenschaft und auf deren
Verantwortung und Rechenschaftspflicht gegenüber der Gesellschaft formuliert, und immer
häufiger wird auch die Forderung nach größerer medialer Präsenz der Wissenschaften
und ihrer Akteure erhoben. Auch die Kultur- und Sozialwissenschaften müssen in diesem
Zusammenhang zweifellos ihre Positionen überprüfen und neu bestimmen — nicht nur im
Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, sondern auch im System der Wissenschaften
selbst.
Der Forschungsverbund will deshalb die historischen wie die gegenwärtigen Modi und
Prozesse volkskundlicher Wissensproduktion genauer untersuchen und vor allem danach
fragen, wie der Wissenstransfer zwischen den verschiedenen Forschungs- und Tätigkeitsfeldern
unseres Faches organisiert ist. Ausgangspunkt dabei ist die Hypothese, dass gerade
in der Volkskunde stets vielfältige Wissensformate in nichtakademischen Kontexten
und nichtakademischen Modellen entwickelt wurden, die in unmittelbarem Zusammenhang
Standen mit gesellschaftlichen Situationen und politischen Bewegungen. Vieles davon
Musste also nicht etwa „popularisiert“ werden, wie dies in anderen Fächern geschah, sondern
es geriet vielfach erst „von draußen“ auf verschiedenen Wegen und Umwegen in die
akademische Wissensproduktion.
Eine historische Aufarbeitung dieser Wissens- und Wissenschaftsgeschichte der Volkskunde,
so die Idee des Forschungsverbundes, könnte also Exemplarisches zu Tage fördern
für einen geisteswissenschaftlichen Weg der Wissensproduktion und des Wissenstransfers,
der zum Teil auch dem Modell der forschungsindizierten Naturwissenschaften ähnelt
Oder der akademischen Wissensproduktion anderer Geisteswissenschaften. Die vielfältige
Rede von der Volkskunde und der Ethnologie als „angewandten“ Wissenschaften deutet
bereits in gewisser Weise in diese Richtung.
Die genauere Betrachtung dieser Wissens- und Wissenschaftsgeschichte kann also wertvolle
Einsichten erbringen für das Verständnis kulturwissenschaftlicher Episteme und For-Mate,
die über das Fach Volkskunde/Europäische Ethnologie selbst weit hinausreichen.