Abstracts
15
Sektion I: Europa Regieren
Sabine Hess
Europäisches Regieren.
Skizze eines europäisch-ethnologischen Forschungsprogramms
Nicht nur die Mobilität von Menschen ist in Europa stark angestiegen. Vielmehr ist „Europa“
selbst als geografischer Raum und politische Entität stark in Bewegung geraten, was
Grundpfeiler unserer politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verfasstheit zum
Wanken bringt. Es gibt keinen Lebensbereich mehr, der nicht durch die fortschreitenden
Europäisierungsprozesse betroffen ist. Doch wie, wo und durch wen findet „Europäisie-Tung“
statt?
Das Fach Volkskunde/Europäische Ethnologie hat in vielen Ethnographien gezeigt, dass
8s methodisch als auch theoretisch bestens gerüstet ist, Europäisierungsprozesse, ihre
Akteure und Effekte in lokalen Alltagswelten zu untersuchen. Der Vortrag will aufbauend
auf meinen jüngsten Feldforschungen im Rahmen meines Habilitationsprojekts zur
Suropäischen Migrationspolitik zeigen, dass das Fach auch einen besonderen reflexiven
Innovativen Beitrag dazu leisten kann, den politischen Europäisierungsprozess bzw. die
Europäisierung der Politik in ihrer Komplexität zu untersuchen.
So weisen seit einigen Jahren politikwissenschaftliche Studien v.a. im Umfeld der Gover-Nance-
und Transnationalisierungsforschung darauf hin, dass das gängige Politik- und
Institutionenverständnis mit der EU-Formierung an seine Grenze stößt — Stichwort: multilevel
governance oder Expertokratie. Der vorliegende Beitrag versucht daher auf drei
Ebenen zu argumentieren. Zum einen werde ich anhand ausgewählter ethnographischer
Fallerzählungen aus den von mir beforschten Büros europäischer semistaatlicher Institutionen
wie dem International Center for Migration Policy Development (Wien) und von
Informellen Konferenzen zwischen Trabzon, Warschau und Bamako skizzieren, welche
(neuen) politischen Akteure, Praktiken und Diskurse neben den offiziellen EU-Organen
den Europäisierungsprozess orchestrieren und konstituieren. Zum anderen werde ich de:
Frage nachgehen, wie diese neuen Handlungsorte und -weisen konzeptionell zu fassen
Sind und zeigen, welche Interpretamente der internationalen Kultur- und Wissensanthro-POlogie
hierbei hilfreich wären.
EHE — Zur Konjunktur von “Klimagerechtigkeit“ in Netzwerken der
Slobalisierungskritik
Die Rede vom Klimawandel ruft vielfältige Aktivitäten hervor. Im Versuch, die unabsehbaren
Folgen einer möglichen Verdichtung von Naturkatastrophen zu regulieren, wuchern
Diskurse, Praktiken und Strategien. Internationale Expertengremien bringen schriftliche
Artefakte in Form von Expertisen und Bürokratie hervor. Es werden Forschungsgelder
Und politische Agenden bereitgestellt. Globalisierungskritik wird in Bewegung gesetzt um
auf die erwarteten sozialen Folgen von Klimakatastrophen zu fokussieren. Technisches