AU
Abstracts
das die gegenwärtige deutsche Wohn-, Fest- und Alltagskultur in der Stadt und auf dem
Land dokumentiert. Solche beschreibende Materialien werden in Russland systematisch
veröffentlicht. Der Beitrag behandelt folgende Fragen: Wie lässt sich diese deskriptive
Kulturforschung in die moderne Wissenschaftslandschaft der Europäischen Ethnologie
einbündeln? Ob sich die Europäische Ethnologie von heute verstärkt auf Diskussionen,
theoretischen Fragen und Interpretationen konzentriert und konkrete Erscheinungen der
materiellen sowie geistigen Kultur im engeren Sinne außer Sicht lässt? Wäre das Schaffen
einer primären Quelle (Dokumentierung gegenwärtiger Kultur) und Ermöglichung ihre!
Zugänglichkeit für andere Forscher eine der zentralen Zugangsweisen der Disziplin und
damit eine der wichtigen Aufgaben eines Ethnologen?
Daniella Seid!
Wo bleibt die Volkskunde?
Reflexionen zur Gegenwart und Zukunft unseres Faches in Zeiten der Renaissance
traditioneller Kultur
Tradition hat mal wieder Konjunktur. Augenscheinlich traditionelle Produkte boomen (man
denke an den Erfolg von Manufaktum); nicht nur im Bereich Wohnen und Essen sondern
auch im Tourismus erleben traditionelle Kulturpraxen eine auffällige Renaissance. Das
Traditionelle ist ‚in’ und prägt zusehends die Lebensstile. So schreibt das Magazin „Landjust“,
das sich der kommerziellen Vermittlung populär-volkskundlicher Themen angenommen
hat, in aktuellen Krisenzeiten der Printmedien schwarze Zahlen. Aber die Volkskunde
selbst meldet sich nicht zu Wort.
Kein Wunder, so könnte man anmerken, denn diese Themen besitzen in unserem Viel-Namen-Fach
kaum eine Repräsentation mehr. Durch die Abgrenzung zur klassischen
Volkskunde des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts sowie der damit einhergehenden
soziologischen Neuausrichtung sind wir zu Beobachtern der Re- bzw. Neu-Traditionalisierungsprozesse
in der Spätmoderne geworden. Diese bewusste Abkehr von den ideologischen
Altlasten erweist sich zwar wissenschaftsintern als schlüssig - wenden wir uns
doch zu Recht gegen die alten Praxen der Bedeutungsherstellung und -vermittlung von
augenscheinlicher traditioneller bzw. authentischer Kultur - , doch diese fachpolitische
Neu-Positionierung wird im öffentlichen Verständnis unseres Faches, das ja immer noch
Volkskunde in seinen Titeln trägt, nicht wahrgenommen.
Gerade durch die aktuelle Renaissance von Tradition wird jedoch von uns volkskundliche
Kompetenz eingefordert. Dieses Wissen kann zuweilen gar nicht mehr geleistet werden,
denn blickt man auf die universitären Lehrangebote bzw. die Themen der Abschlussarbeiten,
so stellt sich hier ein Befund erheblicher Leerstellen dar. Aber auch in außeruniversitären
Bereichen ziehen wir uns auch aus unseren orginären Arbeitsfeldern immer
mehr zurück und überlassen diese den selbsternannten und bestellten Brauchtumspflegern
oder gar anderen Disziplinen (auch wenn hier immer schon ein Spannungsverhältnis
zwischen universitärer und angewandter Volkskunde herrschte).
Diese Nichtpräsenz generiert jedoch zusehends einschneidende Auswirkungen auf die
Repräsentation unseres Faches in der Kulturpolitik und führt zu erheblichen Problemen
der Legitimation. Am Beispiel Münchens/ Bayerns lässt sich konstatieren, dass nicht nur
im Bereich der Museen volkskundliche Stellen und Bereiche reduziert bzw. gestrichen wer-