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Full Text : DGV-Informationen, 122.2013

22 Abstracts

Europäisierung dieser Gesellschaften zu bedrohen schien. Angesichts dieser ‚Bedrohung‘
wurden Politiken formuliert und Maßnahmen des Sparens und der Kontrolle eingeleitet,
die sich an EU-europäischen Transparenz- und Auditstandards orientierten und auf die
Bekämpfung der Schattenökonomie abzielten. Doch um die „Schatten“ bekämpfen zu
können, mussten zunächst einmal die besonders zwielichtigen gesellschaftlichen Räume
und Akteure identifziert werden. Die Suche nach den auszuleuchtenden „Schatten“ und
die Umsetzung von Transparenzpolitiken wird am Fallbeispiel der Einführung von Kassenapparaten
 in den litauischen Freiluftmärkten dargestellt und als spannungsvoller Prozess
der Europäisierung durch Standardisierung gedeutet. Im Sinne der Anthropology of Policy
(Cris Shore / Susan Wright 2011) wird gezeigt, wie Krisenpolitiken sich in den spezifschen
Kontexten der Freiluftmärkte materialisieren und von verschiedenen, menschlichen und
nicht menschlichen Akteuren verhandelt werden. Der Kassenapparat steht dabei als Repräsentant
 der EU-Politik im Fokus der Betrachtung, und es wird erörtert, wie die transnationalen
 Machtzentren durch Standardisierungsprozesse mit individuellen Lebens- und
Alltagswelten verbunden werden und die europäische Governmentalität ihren Einzug in
neue Räume fndet.

Kerstin Poehls
Zettelwirtschaft. Consumer Citizenship, Europäisierung und Krisenpolitik in Griechenland


Wie manifestieren sich in Griechenland vor dem Hintergrund der Europäisierung im Modus
der „Krise“ neue Praktiken von Bürgerschaft? Grundlage dieses Beitrags bildet eine 2011
in Mytilini auf der griechischen Insel Lesbos begonnene Feldforschung. Hier offenbarte
sich das breite alltägliche Meinungsspektrum über Ursachen und Umgangsmöglichkeiten
mit der Krise – und historisch gewachsene Auffassungen über Verantwortlichkeiten und
Funktionen des Staates und seiner Relation zum „Bürger“.
Shore und Wright (Shore / Wright 2011: 20) rücken Politik und politische Programme als
„Diagnoseinstrumente“ in den Fokus, denn über im Wandel begriffene „Objekte der Macht“
ließen sich auch Subjektivitäten – Bürger als Subjekte – erkennen und analysieren. Sowohl
 in neoliberalen als auch konsumkritischen Diskursen ist derzeit der Consumer Citizen
präsent; er wird in EU-Programmen als idealtypische Figur benannt, die es heranzubilden
gelte und als ethisch bewußt handelnder Konsument die globale ökonomische Zusammenhänge
 in ihr Alltagshandeln einbezieht und so politisch agiert. Ich gehe davon aus,
dass durch die Europäisierung nicht nur ganz explizit politische Entscheidungsprozesse
und neue Machtstrukturen entstehen, sondern die EU als politische und ökonomische
Konstellation auf alltägliche Praktiken wirkt, in denen vordergründig das Verhältnis von Nationalstaat
 und Bürgern verhandelt wird und die zugleich ein neuartiges, moralisch aufgeladenes
 Bild von Bürgerschaft hervorbringen.
Sollten sich die Effekte der „Krise“ womöglich besser verstehen lassen, wenn der Betrachtungsgegenstand,
 das „Bündel sozialer Praktiken“ (Wissen 2008: 17) im Sinne der Politics
of Scale, so unspektakulär wie möglich ist? Der Gegenstand, in dem sich mein Erkenntnisinteresse
 bündelt, ist die wohl banalste und alltäglichste Manifestation des Kaufens und
Konsumierens überhaupt: der Kassenzettel. Mit diesem Fokus sollen nicht existentielle
Alltagsprobleme banalisiert werden, sondern vielmehr den kleinteiligen, aber sozial wirk-
            
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