40 Abstracts
Panel C
Suggestionen von Männlichkeit. Klangästhetiken im
Spannungsfeld von Macht, Technik und Geschlecht
Männlichkeit und Weiblichkeit sind, so ein mittlerweile etablierter kulturwissenschaftlicher
Allgemeinplatz, keine ontologischen Kategorien, sondern vielmehr Konzepte, die aus den
Regimes von Heteronormativität hervorgegangen sind (Butler 1990). Dennoch: Dichotome
Geschlechterkonzeptionen sind auch 65 Jahre nach Simone de Beauvoirs Dictum, man
komme nicht als Frau zur Welt, sondern werde es im Verlaufe des eigenen Lebens, noch
immer konstitutiv für viele Bereiche kultureller Praxis und kulturwissenschaftlicher Forschung.
Wir wissen um die Zentralität kultureller Interpretationen biologischen Geschlechts,
versuchen sie aber naturgemäß aus eben jenen intellektuellen Traditionen heraus
zu begreifen, die Geschlechterbinarität über Jahrhunderte hinweg affrmiert und
fortgeschrieben haben. Gerade hier vermag eine Kulturforschung der Sinne einen möglicherweise
entscheidenden Beitrag zur Überwindung dieser wissenschaftshistorisch
gewachsenen intellektuellen Eigenbegrenzungen zu leisten; gerade hier jedoch muss sie
sich auch erheblichen theoretischen und methodischen Risiken aussetzen, um wirklich
Neuland betreten zu können.
Eben diesen Herausforderungen stellen wir uns im Panel „Suggestionen von Männlichkeit:
Klangästhetiken im Spannungsfeld von Macht, Technik und Geschlecht“, wenn wir nämlich
versuchen, den Angebotscharakter von Geschlechtlichkeit, hier konkret: Männlichkeit, als
unmittelbare Lebenserfahrung begriffs- und damit wissenschaftsfähig zu machen, und
zwar über das Medium Klang. Ausgangsüberlegung der Referentinnen bildet im Rekurs
auf Neue Phänomenologie die Wirkmacht von Klang im leiblichen Wahrnehmen und zu
eigen Machen (z. B. Hermann Schmitz). Hierdurch wird eine kontinuierliche Eigen- und
Fremderfahrung und Wahrnehmung von Geschlecht ermöglicht. Wir fragen nach den
Dynamiken des (Auf-)Spürens von Männlichkeit durch Klang in impliziten und expliziten
Regimes und damit nach klanglichen Suggestionen von Männlichkeit unter Berücksichtigung
technischer Interventionen in der Schaffung klanglicher Geschlechterdifferenzierung.
Klang wird alltagskulturell nach geschlechtlichen Stereotypiken und Präferenzen diszipliniert
und gestattet gerade wegen dieser Eingebundenheit in Machtstrukturen sowohl die
(mitunter technische) Manipulation als auch die Repräsentation von geschlechtlich markierter
Zugehörigkeit. Klang und (leibliches) Hören bieten sich deswegen als Medium für
den kulturwissenschaftlichen Zugriff an, weil sie Grenzen und Kategorien, wie sie auch der
Geschlechterbinarität zugrunde liegen, refexiv aufzuweichen und infrage zu stellen in der
Lage sind, ohne sie in dekonstruktivistischem Gestus zunächst dezentrieren zu müssen.
Den Referentinnen stellt sich Klang deswegen als potentes Medium für die Hinterfragung
von Männlichkeiten dar, weil er erlaubt, produktiv mit der inhärenten Ambivalenz und
Flüchtigkeit des der kulturellen Konzipierung von Geschlecht (lichkeit) vorgelagerten Spürens
zu arbeiten. In den Panelbeiträgen werden jeweils Angebote gemacht, anhand konkreten
Materials systematisch über Suggestionen von Männlichkeit nachzudenken, wobei
ein Bogen gespannt wird von alltäglichem Klangerleben und -gestalten bis hin zu musikalischen
Praktiken.