48 Abstracts
Silvia Hess (Luzern / CH)
Geschichte feiern. Sinnliche Mittelalterinszenierungen in Morgarten, Juni 2015
Als Teil des 700 Jahr-Jubiläums zur Schlacht von Morgarten wird vom 19.– 21. Juni 2015
im Ägerital (Kanton Zug) ein „Volksfest“ mit Konzerten, einem großen Festumzug und
einem Armeeauftritt stattfnden. Beim Feiern von Geschichte soll, wie die Veranstalter des
Jubiläums von „Morgarten – 700 Jahre Abenteuer Geschichte“ ankündigen, „die sinnliche
Auseinandersetzung mit Geschichte“ im Vordergrund stehen. Was stellt man sich unter
sinnlichem Erleben und Feiern von mittelalterlicher Geschichte vor? Wie lassen sich diese
Vorstellungen und ihre Umsetzungen beschreiben und deuten? Welche Vorbilder haben
diese Inszenierungen?
Anhand von Fotografen präsentiert der Panelbeitrag Beobachtungen und Thesen zu
aktuellen Formen von Geschichtsinszenierungen, die als sinnlich angepriesen werden.
Der Panelbeitrag steht im Kontext meines Dissertationsprojekts „Touristischer Geschichtsgebrauch.
Die Postproduktion des Mittelalters im 21. Jahrhundert“ an der Universität
Luzern (Prof. Dr. Valentin Groebner). Mein Teilprojekt untersucht die touristischen
Ge schichts inszenierungen im 19. / 20. Jahrhundert am Beispiel von Morgarten und vergleicht
die 700 Jahr-Feierlichkeiten von 2015 mit älteren Jubiläen.
Geschichtsinszenierungen spiegeln und prägen wirkmächtige Vorstellungskomplexe, wie
die Vormoderne aussieht, wie man sie anschaut und wie sie sich anfühlt. Die Leitfragen
des Panels, was unter sinnlichem Erleben verstanden wird und wie diese Praktiken die
Wahrnehmung eines Ortes beeinfussen, berühren eine grundlegende Frage meines Forschungsprojekts:
Wie wirken die erlebnishaft geprägten, touristischen Blicke auf das
Anschauungsmaterial von Geschichte zurück? Nach Möglichkeit möchte ich in meinem
Beitrag auch auf Verbindungs- und Bruchlinien zwischen akademischer und kommerzieller
Nutzung von historischem Material zu sprechen kommen.
Raphaela Knipp (Siegen)
Literatur ‚mit allen Sinnen‘? Literaturtourismus als sinn- und erlebnisorientierte
Aneignung literarischer Texte
Der Vortrag beleuchtet das Verhältnis von Raum, Erleben und Sinn am Beispiel des Literaturtourismus.
Als Wirkungsphänomen, so die Ausgangsthese, zielt Literaturtourismus auf
das körperlich-sinnliche Nacherleben literarischer Narrationen an ihren jeweiligen Handlungsorten.
In Form von geführten Rundgängen, Performances, sogenannten „themed
environments“ (Schlehe et al.) oder musealen Rekonstruktionen werden fktive Welten
dabei ortsbezogen angeeignet und in materielle Erfahrungsräume übersetzt. Beobachten
lässt sich dies etwa anhand der Aufbereitung des Romanschauplatzes und Literaturmuseums
‚Buddenbrookhaus‘ in Lübeck, welches hier als Beispiel dienen soll. Die Räume des
Hauses sind den Beschreibungen des gleichnamigen Romans von Thomas Mann nachempfunden
und wurden mit verschiedenen Artefakten bestückt. Unter dem Motto des
„begehbaren Romans“ wird dabei die visuelle Vorstellungskraft des Lesers durch die
Adressierung eines breiten Sinnen-Spektrums erweitert: Denn die Räume können nicht
nur betrachtet, sondern auch begangen, Dinge darin ertastet und Geräusche vernommen
werden, die an die Lektüre des Romans erinnern. Im Zentrum des Ausstellungskonzeptes