16 Abstracts
Sektion 1
Epistemiken
Christine Oldörp (Zürich / CH)
Dissoziierte Feldforschung? Methodische Überlegungen zur (ton-) technisch
gestützten Re-Präsenz im Forschungsprozess
Feldforschung defniert Brigitta Schmidt-Lauber „als intensive[n] multiperspektivische[n],
multimethodische[n] und dichte[n] Zugang zu kulturellen Realitäten an Ort und Stelle ihres
Auftretens und ihrer Vernetzungen“. Zentral für eine Feldforschung ist damit das Dabei-Sein
des Forschers an Ort und Stelle der Entstehung von Daten. Herkömmlicher Weise
wird mit der Feldforschung so eine zeitliche und räumliche Ko-Präsenz von Forscher und
Forschungssubjekten verbunden. Als bevorzugte Methode der Feldforschung wurde in
Folge die beobachtende Teilnahme des Forschers am aktual und in situ vollzogenen
Handlungsgeschehen angesehen. Konsequenz dieser Anwesenheit des Forschers im Feld
ist, dass er interaktionaler Teil des von ihm untersuchten Feldes wie der füchtigen Gegenwart
eines miteinander verwobenen Handlungsgeschehens ist.
Feldforschung könnte man damit im zweifachen Sinne als Gegenwartsforschung begreifen:
Zum einen über den erforschten Gegenstand selbst, der als eine im Entschwinden
begriffene, sich von Moment zu Moment vollziehende (Handlungs- bzw. Vollzugs-) Gegenwart
erscheinen kann, zum anderen als eine Forschungspraxis, die ihren Ausgangspunkt
vom situierten, partikularen und positionierten Hier-Jetzt-Ich des Forschers nimmt. Diese
enkorporierte Präsenz an einem oder mehreren Orten und in einem fuiden (Handlungs-)
Geschehen erlaubt es dem Forscher gerade, sich mittels seiner Sinneswahrnehmung zu
einem multimodalen Erkenntnisinstrument bzw. -medium zu machen. Regina Bendix
macht so zu Recht darauf aufmerksam, dass die „Sinne“ „die ethnographische Datenaufnahme“
„[mit]formen“ und spricht so vom „Körper“ als „wichtigstem Forschungsinstrument“
und „elementarste[m] Registrierungsinstrument“ in der Feldforschung.
Basis von Forschungen bilden aber gerade auch immer wieder Dokumente vergangener
Ereignisse oder Handlungen. Technische Speichermedien können Klang- und / oder
Bild-Spuren der Wirklichkeit erzeugen, die ein späteres Sehen und / oder Hören des aufgezeichneten
(Handlungs-) Geschehens auch durch unbeteiligte Dritte ermöglichen.
Anknüpfend an die empirischen Befunde meines abgeschlossenen Dissertationsprojektes
„Writing Culture. Repräsentationstechniken im qualitativen Interview“, das in einer Sekundäranalyse
von qualitativen Interviews den kompletten Forschungsprozess als „Doing
Data“ (Stephen Hester, David Francis) untersucht – ausgehend von der interaktionalen
Herstellung diskursiver Tondokumente in situ und ihrer nachfolgenden analytischen Bearbeitung
bis hin zu ihrer Verschriftung durch den Forscher – soll so im Vortrag der methodische
Zugriff über Tondokumente auf vergangene (Sprech-) Handlungen befragt werden.
Analytisch in Stellung gebracht wird dabei der Begriff der „Dissoziierung“, den Konrad
Ehlich gebraucht, um die besondere Konstellation schriftlicher Kommunikation zu kennzeichnen,
der gerade ein interaktionaler Bruch zugrunde liege, insofern ‚Sprecher‘ und
‚Hörer‘ voneinander isoliert seien, so dass ihre Kommunikation nur über das hergestellte
Produkt – den Text – vermittelt werde. Demzufolge wäre für einen technisch gestützten