Tagungen 38
Orientieren & Positionieren, Anknüpfen & Weitermachen:
Wissensgeschichte der Volkskunde /Kulturwissenschaft in Europa
nach 1945
Eine Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde (SGV) und des
Vereins für Volkskunde (VfV)
Wien (Österreichisches Museum für Volkskunde) | 16 – 18 11 2017
… and would in a few years make all Europe, or the greater
part of it, as free and as happy as Switzerland is today.
Am 19. Dezember 1946 hielt Winston Churchill vor akademischem Publikum seine
„Europa-Rede“, in welcher er für den zerstörten Kontinent ein Konzept der „European
Family in a regional structure“ entwarf und einen Zusammenschluss jenseits nationalistischer
Tendenzen proklamierte. Dass der einfussreiche Politiker ausgerechnet an
der Universität Zürich sprach, unterstreicht die Rolle und die Darstellung der Schweiz
als transnationales, vielfach genutztes und gedeutetes Leitbild der unmittelbaren
Nachkriegszeit. Gerade für die „kleinen Nationen“ (Churchill) wie Österreich diente
die Schweiz in den komplexen staatlichen wie regionalen Selbst- bzw. Identitätsfndungsprozessen
nach 1945 als Orientierungs- und Positionierungshilfe.
Fast gleichzeitig und mit der praktisch gleichen Funktion bot Richard Weiss‘ Grundriss
Volkskunde der Schweiz (1946) dem Fach Volkskunde in den NS-korrumpierten Ländern
Ausgangspunkt zu einem disziplinären Neustart. Den AkteurInnen der Schweizer
Volkskunde wurde europaweit quasi eine Moderatorenrolle für die Neuorientierung
des Faches in Epistemologie, Methoden und Fachkonzeption zugesprochen. Zugleich
verbanden sich mit den „Schweizern“ auch Hofnungen auf eine Weiterarbeit in bestehenden
persönlichen wie institutionellen Netzwerken. Insofern sagt das Bild einer
„neutralen Schweizer Volkskunde“ viel über disziplinäre Verhältnisse nach 1945 aus.
Die Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde und des Vereins für Volkskunde
in Wien nimmt diese gesellschaftsrelevanten wie wissenschaftsstrategischen
„Schweiz-Bilder“ zum Ausgangspunkt kulturwissenschaftlicher Refexionen über Aspekte
von Internationalisierung bzw. Europäisierung, von nationaler- und regionaler
Konzeption des fachlichen Wissens in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die in solche
Erzählungen eingeschriebenen Vorstellungen von Peripherie und Zentrum volkskundlich-kulturwissenschaftlicher
Wissensproduktion und ihre hohe Wirkmächtigkeit
sollen analysiert werden. An der volkskundlichen Fach-, Wissens- und Institutionengeschichte
lassen sich diese vielfältig politischen Prozesse nachzeichnen, die in Ös-