Abstracts 45
Dr. Laura Wehr (München)
„Man hat dann schnell erfahren, dass man auch Nutella bezahlen muss.“:
Die Ausreise aus der DDR als familienbiographische und ökonomische
Krisensituation
Nicht nur im DDR-Alltag, sondern auch im Kontext der Ausreise aus der DDR spielten
Praktiken des Wirtschaftens eine bedeutsame Rolle: Emigrationswillige Familien waren
bereits lange vor der faktischen Ost-West-Migration mit Planen, Sparen, Horten,
Handeln und Tauschen beschäftigt, um die gemeinsame Zukunft im Westen vorzubereiten.
Mit der Stellung des Ausreiseantrags verschärfte sich die ökonomische Lage der
Familien oft massiv: Viele Eltern verloren sofort ihren Arbeitsplatz und sahen sich nun
vor die Herausforderung gestellt, das Auskommen der Familie auf ungewisse Zeit in
einem Staat abzusichern, der sie als „feindliche Elemente“ einstufte und ihnen jegliche
Hilfe versagte. Wurde der Ausreiseantrag dann nach Monaten oder gar Jahren
bewilligt, musste das familiale Hab und Gut innerhalb kürzester Zeit geordnet, veräußert,
verschenkt, inventarisiert, verpackt, gegenüber den DDR-Behörden verteidigt
und über die Grenze geschaft werden – ein Vorgang, der auf komplexen individuellen
Entscheidungs- und familialen Aushandlungsprozessen basierte und die bilanzierende
Auseinandersetzung mit der eigenen (Familien-)Biographie inkludierte. Im Westen
angekommen, galt es für die Zuwanderer, sich rasch in das konträre sozioökonomische
System einzufnden und auf der Basis von mitgebrachten Kapitalien sowie vorgefundenen
Optionen eine neue Existenz zu begründen – was zu divergenten individuellen
und familialen Reaktionen führte.
Der Beitrag untersucht aus Akteursperspektive, welche familialen Praktiken und Strategien
des Wirtschaftens im Kontext des Migrationsprozesses zum Einsatz kamen, wie
‚erfolgreich‘ die Übersiedler-Familien damit langfristig waren und wie die individuellen
und familialen ‚Kosten /Nutzen-Rechnungen‘ des Familienprojekts Ausreise heute
ausfallen. Damit soll auch ein Beitrag zu der Frage geleistet werden, wie die Themenkomplexe
Migration, Familie, DDR-Alltag, Biographie und Erinnern zusammengedacht
und analytisch verschränkt werden können.
Präsentiert werden erste Ergebnisse aus dem DFG-Projekt „Geteiltes Land, geteilte
Familien?“, das auf der Basis von Leitfaden-Interviews und Familiengesprächen
die Migrationsgeschichten von Zwei-Generationen-Familien untersucht, die in den
1980er Jahren per Ausreiseantrag aus der DDR in die BRD emigriert sind.