Angelegenheiten der dgv 22
Kooperationen beinhalten Verantwortlichkeiten, deren Ausmaß auch durch die Art
der jeweiligen Beziehung bestimmt wird. Sowohl von den erkrankten als auch von
den fürsorgenden AkteurInnen werden solche Beziehungen vielfach als altruistisch,
solidarisch oder gegenseitig beschrieben. In der stationären Versorgung nutzen Pfegefachkräfte,
Pfegehilfskräfte, ErgotherapeutInnen und KrankengymnastInnen allerdings
selten die Gelegenheit, nahestehende Personen in die Versorgung eines Patienten
einzubeziehen.
Im Alltag von Kranken und ihrem sozialen Umfeld spielt neben den Beziehungen auch
gesundheitsbezogenes Wissen eine wichtige Rolle, dessen sich die Betrofenen bedienen:
dieses Wissen kann auf Schul- und Alternativmedizin basieren, aber auch auf Erfahrungen
und Werten aus Selbsthilfegruppen sowie dem emotional nahestehenden
Netzwerk. Das Verbinden moderner Schulmedizin mit alternativen Wissensformen
oder Laienwissen birgt zunehmend Konfiktpotenzial, etwa aufgrund falscher Vorstellungen
und Erwartungen. Sichtbar werden diese Konfikte z. B. wenn medizinische
Entscheidungen in der Familie getrofen werden müssen und Auswirkungen auf Beziehungen
eines Menschen haben. So erfordert etwa die Pfege eines akut erkrankten
Kindes von der Familie eine rasche Neuverteilung an sozialen Ressourcen sowie eine
Verständigung darüber, welche Konsequenzen diese Neuverteilung mit sich bringt,
insbesondere, wenn sie längerfristig sein wird. Krankheit kann demnach das lebensweltliche
Gefüge stören bis dahin, dass diese Beziehungen durch das hohe Maß an
(emotionaler) Involviertheit zerbrechen.
Fragen, die alternative Lebensformen im kultur- und sozialwissenschaftlichen Bereich
betrefen, treten angesichts sich verändernder Rahmenbedingungen im Medizin- und
Pfegesektor nicht nur bei häuslicher Pfege auf, sondern gehen mit vielfältigen Fragen
am Lebensende. Dies sind jedoch nur grobe Charakterisierungen, deren inhaltliche-funktionale
Dimension in medikalen Alltagen Thema der hier anzukündigen Netzwerktagung
sein wird.
Das 18. dgv-Netzwerktrefen 2019 widmet sich diesem volkskundlichen, kultur- und
medizinanthropologischen Feld der „Familie, Beziehungen, Verwandtschaft und Kooperationen
in medikalisierten Alltagen“ und stellt folgende Fragen ins Zentrum der
Betrachtung: Welche Verantwortlichkeiten und Handlungsspielräume werden in den
AkteurInnen in sozialen Beziehungen zugeschrieben? Wie werden zwischen Akteursgruppen
Kooperationen ausgehandelt? Welche Erwartungen von Gesundheit werden
über Verwandtschaft geprägt? Inwieweit werden familiäre Aushandlungsprozesse im
medikalen Alltag sichtbar? In welchem Zusammenhang stehen bei der Betreuung eines
erkrankten Familienmitgliedes intersektionale Identitätskategorien (Gender, Religion,
Klasse etc.)? Auf welche Konzepte von Familie, Reziprozität und Solidarität
wird bei der Care-Arbeit rekurriert?