Tagungen 62
Food lokal /global in Bewegung: Politiken und Praktiken
Berlin (Freie Universität) | 28 / 29 3 2019
Ernährung ist eines der zentralen Felder, in denen sich Sozialität und kulturelle
Selbstverortungen von Gesellschaften beobachten lassen. Nahrungsmittel sind alltägliche
Notwendigkeiten, Waren und gleichzeitig Distinktionsmittel. Nahrungsmittel
und ihre Zubereitung sind eng verwoben mit Lebensstilen, Konsumgewohnheiten
sowie mit Defnitionen von gesundem und ungesundem Leben. Ernährungskulturen
sind gebunden an Traditionen und gleichzeitig Produkt vielfältiger Einfüsse: Es gibt
kein Rezept, das nicht in seiner Zutatenliste, in Zubereitungstechniken und -utensilien
Beiträge verschiedener lokaler, regionaler und nationaler Küchen beinhaltet. Neue
Produkte werden importiert, in den Verbrauch aufgenommen und oft zu einem späteren
Zeitpunkt an die Landwirtschaft angepasst. Gleichzeitig birgt der Umgang mit
Nahrungsmitteln, ihre Produktion, Vermarktung und Verarbeitung erhebliches politisches
Konfiktpotenzial.
Food policies (Essens-, Lebensmittel- oder Nahrungsmittelpolitiken) beinhalten Aushandlungen
und Regelungen, wie Lebensmittel produziert, verarbeitet, vertrieben
und verkauft werden. Dies umfasst die Entscheidungsfndung in Bezug auf Produktions-
und Verarbeitungstechniken, Marketing, Verfügbarkeit, Nutzung und Verbrauch
von Lebensmitteln. Food policies sind auf unterschiedlichen Ebenen wirksam: beobachtbar
sind Aktivitäten von lokalen Produzent/innen, nationalen Regierungen und
transnationalen Industrien bis hin zu internationalen Organisationen. Sie umfassen
u. a. die Regulierung von Lebensmittelindustrien, die Festlegung von Förderkriterien
für Nahrungsmittelhilfsprogramme, die Gewährleistung von Lebensmittelsicherheit,
die Kennzeichnung von Lebensmitteln und sogar die Qualifkation eines Produkts, das
als ökologisch angesehen werden kann.
Food practices (Essens-, Lebensmittel- oder Nahrungsmittelpraktiken) beziehen sich
auf unsere Beziehung zu Essen: was wir essen, wie wir essen, und wie wir über essen
interagieren. Essentiell für food practices sind die vorhanden Zutaten/Lebensmittel:
Welche Nahrungsmittel werden angebaut, welche importiert, woher stammen sie?
Praktiken von Ernährung und Essgewohnheiten in verschiedenen Kontexten sind
komplex: Die Wahl der Nahrungsmittel wird durch kulturelle Werte und Gewohnheiten
beeinfusst und ist ein wichtiger Teil der Konstruktion und Aufrechterhaltung von
kulturellen Identitäten. Essen ist aber nicht nur eine private lebenserhaltende Praktik
und ein kultureller Lebensstil, sondern auch mit food policies und gesellschaftlichen
Machtprozessen verbunden.