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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, 81.1951,1

Besprechungen.
1.0 Conrad-Martius, H.: Abstammungslehre. 2. ‘Aufl., 425 Seiten. Kl.-8% Verlag Kösel, München
 1949.

Brei den meisten Darstellungen der. Abstammungslehre ist
as leicht zu erkennen, daß es für den Autor schon vor aller
Beschäftigung mit den einschlägigen Problemen und Materialien
 feststand, ob er die Theorie ablehnen oder annehmen
wolle. So auch hier. Für unsere Autorin ist der Gedanke
der Deszendenz der Organismen, insbesondere des Menschen
wohl aus religiösen Gefühlen heraus unannehmbar. Ihre
Bemühungen gehen also dahin, die Unhaltbarkeit des deszendenztheoretischen
 Standpunktes mindestens in seiner Allgemeinheit
 nachzuweisen. Bei ihren, wie man zugeben muß,
sehr ‚umfangreichen Literaturstudien und ;mit dem tieferen
Eindringen in die ‚Problematik ist es aber schließlich dazu
gekommen, daß sie. den .bekämpften Gedanken selbst annimmt,
und so wurde ihre Streitschrift gegen die Abstammungslehre
zu einem ihrer eindrucksvollsten psychologischen Beweise.
Vielleicht ist ihr das selbst gar nicht so_ klar geworden,
denn ihren zwischen den Auflagen des Buches erfolgten
Standpunktwechsel fügt sie nur in_einem Zusatz an, statt
den ganzen Text zu revidieren. „Wie aus dem "Text ersichtlich‘‘
 schreibt sie (S. 358), „habe ich seinerzeit mit
einem wiederholten göttlich-schöpferischen Eingreifen in das
urzeitliche Weltwerden gerechnet, dann nämlich, wenn grundtypischan
 Umwandlungen der lebendigen Organismen Sstattfanden,
 die als’ solche nicht mehr durch irgendwelche den
Organismen selber innewohnende schöpferische Potenzen erklärt
 werden können. Inzwischen -hat sich mır jedoch die
Sicht etwas verschohen‘‘ usw. Grundtypische Umwandlungen
werden also — vielleicht nur für eine „‚schöpferische
Urzeit‘“1 — zugegeben, können aber „nur durch Eintreten
einer neuen wesenprägenden (entelechialen) Ursachpotenz
geschehen (sein)‘‘ (S. 359). Dabei wird die Einheit des
Örganismenstammes ausdrücklich zugestanden: ‚,Die betreffenden
 neuen Wesensentelechieen oder Artlogoi würden jeweils
in solchen Phasen des Weltwerdens auf den Plan treten,
in denen sich phylogenetisch‘ die Entwicklung bestimmter
Organismengruppen so gestaltet hat, daß die bisherigen
zrundtypisch prägenden Wirkpotenzen (Artlogoi) sich in ihnen
nicht mehr halten können, in denen die Organismen dagegen
die neuen‘ bedingungsmäßig ‚erfordern‘‘ (S. 359).
Schält man aus dem Geranke von metaphysichen Logoiden
 den einer wissenschaftlicher Beurteilung zugänglichen
Kern heraus, so besteht er in der Annahme, daß sich
Ürganismengruppen zu gegehenen Zeiten auch tiefergreifend
verändert haben, ohne daß die Kontinuität der Generationsketten
 damit unterbrochen sein müßte. Daß es sich dabei
um hesondere „„Ursachpotenzen‘‘ handeln müsse, welche ‚dem
Kosmos als solchem‘ innewohnen, ‚hat doch wohl nur den
Wert eines vielleicht -anmutigen Geplauders. Selbstverständlich
 ist für jede solche Umwandlung eine Ursache, ein zureichender
 Grund zu fordern, und ihn aufzudecken, ist eine
der großen Aufgahen der phylogenetischen Forschung, Wenn
unsere Autorin schreibt: „für das herausspringende Ergebnis
einer grundiypischen Neuprägung eines Organismus muß
es eine der Qualität und dem Rang nach vollentsprechende
Verursachung gehen“, so wird einer solchen Forderung kein
Naturwissenschaftler widersprechen. Keiner wird darin aber
nur auch den Schatten einer Widerlegung :einer Deszendenzlehre
 erhlicken,. sondern nur die Feststellung einer weiteren
Forschungsaufgahe, die darin besteht, solche zureichende
Ursachen aufzudecken.
Scheinbar liegen in dieser wissenschaftlich selbstverständlichen
 Forderung nach Erforschung der Ursachen für
die Autorin große Denkschwierigkeiten. Sie glaubt von
diesen zwei Gruppen ‚unterscheiden zu müssen, rein naturhafte
 Ursachpotenzen, die „in der Schöpfung selbst schon
bereitliegen‘‘, und andere, welche eine wesens- oder grundtypisch
 andersartige Formung hervorzurufen vermögen und
die „dem Kosmos als solchem innewohnen.‘ Für den einfachen
 Sinn eines Naturforschers klingt eine solche Unterscheidung
 von Kosmos und Natur, von Ursachen, die in der
Schöpfung bereitliegen und deshalb etwas minderwertig sind
gegenüber anderen, die den Kosmos innewohnen, nicht sehr
überzeugend, doch mögen sich darüber die Metaphysiker und
Theologen mit‘ der Autorin auseinandersetzen. Wir fragen
weiter nach naturwissenschaftlich diskutierbaren Behauptungen
 in dem vorliegenden Buche und finden solche bei der
Bewertung der ‚systematischen Gruppen und ihrer qualiativen

 Unterscheidung. Etwa bis zur Stufe des zoologischsystematischen
 Familien-Typus soll der Organismus „eine
zrundtypische Wesenprägung‘‘ zeigen, von da abwärts hanlelt
 es sich um bloße Abwandlungen des Typus. Rasse, Art
ınd Gattung sind Abwandlungstypen, sie können daher in
len betreffenden Organismen durch natürliche Bedingtheiten
nit Hilfe vorgegebener virtueller Potenzen entstehen, sie
cönnen Glieder eines stammesgeschichtlichen innerorganisnischen
 Werdens sein!‘‘ Familie, Ordnung, Klasse, Stamm
und ‚ganzheitliche oder „‚typische‘‘ Typen, die nur durch
schöpferische Formgebung in den Organismus ‚entstehen.
Sie können niemals Glieder eines unter innerorganismischen
Zedingungen sich vollziehenden stammesgeschichtlichen Werlens
 sein (8. 858). Hier treten dann ‚‚die dem Kosmos als
;olchem innewohnenden Ursachpotenzen‘‘ ein.
Für die weitere Auseinandersetzung mit dem Standpunkte
ler Autorin ist es sehr störend, daß man immer wieder auf
jachliche Unkenninisse stößt. . Offenbar hat sie niemals
‚ystematisch oder änatomisch gearbeitet, kennt auch die
imbryologie und Vererbungsforschung nur aus der Literatur
ınd weiß daher nicht zu unterscheiden, was eine zeitbedingte
Meinung eines früheren Autors und daher heute kein Argunent
 mehr ist, was dagegen als tatsächliche Feststellung
n Kraft bleibt. Man darf heute z. B. den phylogenetischen
Wert der säugerähnlichen Reptilien nicht nach Joh. Walter
908 beurteilen (das Buch betitelt sich übrigens Geschichte
ler Erde und des Lebens und nicht Theorie!), und auch
n der Vererbungslehre sind Meinungen von 1929 ggf. nicht
nehr beweiskräftig. Es fehlt dem Buch überhaupt die naturvissenschaftliche
 Einstellung, die an die Tatsachen selbst
ı1eranzukommen sucht und nicht bei dem verharrt, was über
zie einmal geschrieben wurde. ;
Diese Kritik ist auch an dem Grundgedanken zu üben,
laß nämlich durch die höheren systematischen Kategorien
ine andere Art von Zusammengehörigkeit erfaßt werde, als
lurch die niederen. Über die Ordnung etwa lesen wir ausührlich:
 „Wenn man die Charakterisierungen der Ordnungen
nnerhalb einer bestimmten Klasse überblickt, so fällt immer
vieder auf, daß es sich meist um typische Unterschiede in
ler Bildung der Extremitäten, der Freßwerkzeuge und
‚nderer unmittelbar physiologisch maßgebender Organe hanielt,
 und zwar auch der Sinnesorgane.‘ Das fällt doch wohl
ıur dem auf, der sich nie in die Mannigfaltigkeit der Tier-5rmen
 eingearbeitet ‚hat, sondern nur die Diagnosen der
‚ehrbücher zu seiner Orientierung verwendet. Wenn sie
ehauptet, daß „sich die Säugetiere hauptsächlich durch die
pezielle Bildung des Gebisses und der Extremitäten untericheiden‘‘
 (S. 284), so hat sie eben nicht erfaßt, daß ‚gerade
liese Merkmale in den systematischen Handbüchern aufgeählt
 werden, weil unsere Säugersammlungen vor allem aus
er Decke mit Klauen und dem Schädel bestehen. Wenn: sie
‚ehauptet, daß „alle Ordnungsmerkmale das Charakteristische
‚aben, daß sie das Tier durch eine «spezielle Gestaltung und
\usgestaltung gewisser physiologisch wichtiger Organe auf
ine allgemeine ‚Lebensart‘ festlegen‘‘, so möchte‘ man sie
»itten, sich einmal einen Flußotter und einen über die Steppe
injagenden Gepard ‚nebeneinanderzustellen. Hätte sie sich
iüie Mühe genommen, etwa nur die Mannigfaltigkeit der
XZlasse der Vögel am Objekt zu studieren (sie sind nach
hr ‚,klassenmäßig grundanatomisch hinorientiert auf ein
ırdkosmisches Element‘‘, nämlich die Luft), so müßte sie
ırkannt haben, daß es einmal eine Ordnung ist, die durch
ine ähnliche Lebensart zusammengefaßt ist, wie etwa Tubiıares
 oder Sphenisci, ein andermal eine Familie, wie die
>elecanidae, oder Scolopacidae, oder Alcedinidae, die sich
‚ugleich dadurch von anderen Familien ihrer Ordnung untercheiden.
 Unter den ‚sonst sehr eng zusammengehörigen
‘apageien ist z. B. die Gattung Strigops durch besondere
‚ebensweise (Flugunfähigkeit), die Gattung Nestor durch
Jeigung zur Fleischnahrung gekennzeichnet, ohne daß man
‚eshalb schon eine Ordnung oder auch nur Familie für jede
:jeser Gattungen aufstellen möchte. Die Autorin hätte vieleicht
 auch folgenden Fall bedenken können, daß man die
Interschiede zwischen der Gattung Passer (Sperling) und
ınderen Gattungen der Fringillidae (Finkenfamilie) eben nur
als Gattungsunterschied wertete, während man heute auf
Zrund genauerer Kenntnis der Webervögel dazu neigt, wegen
            
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