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Full Text: Studien zur Gesetzestechnik, 1, Der Begriff der Gesetzestechnik und sein Wert

Die Interpretation ist sohin eine einmalige Tätigkeit, die 
damit abschließt, daß das Recht im Zusammenhänge erfaßt wurde. 
Wer das Recht einmal kennt, der braucht nicht mehr zu inter­ 
pretieren. Freilich gelangt diese Tätigkeit niemals zu einem 
völligen Abschlüsse, weil einerseits der Rechtsstoff dazu zu groß 
ist und weil andererseits dieser Rechtsstoff unausgesetzt wechselt. 
Wenn aber auch das Ideal nicht erreichbar ist, so hindert das 
nicht, daß eine größtmögliche Annäherung an dasselbe ver­ 
sucht werde. 
Die Erfassung des Rechtsstoffes (geltende Gesetze und Ge­ 
wohnheiten) in seinem Zusammenhänge ist unmöglich ohne gleich­ 
zeitige restringierende und extendierende Interpretation der 
Gesetzesworte und Gesetzessätze einerseits, der konkreten Rechts­ 
handlungen anderseits. Darin liegt ja eben das Wesen und 
der Wert der Erfassung einer Sache in ihrem Zusammenhänge, 
daß sie andere Erkenntnisse vermittelt als die summierte Er­ 
fassung aller Teile. Der Ausschluß induktiver Bearbeitung der 
Gesetze wäre gleichbedeutend mit der Leugnung des systematischen 
Zusammenhanges der Rechtssätze, also auch gleichbedeutend mit 
der Behauptung, daß das Recht ein ganz zufälliges Konglomerat 
von Vorschriften sei; der Ausschluß induktiver Bearbeitung der 
Rechtshandlungen, welche das Gewohnheitsrecht ausmachen, wäre 
aber gleichbedeutend mit der Leugnung der Existenz abstrakter 
Rechtssätze, also mit der Leugnung von Gewohnheitsrecht über­ 
haupt. Es ist ja wohl richtig, daß die Induktion außer dem Falle 
der vollständigen Induktion Erkenntnisse von bloßem Wahr­ 
scheinlichkeitswert liefert und daß es bei der Interpretation vor­ 
wiegend zu unvollständigen Induktionen kommt. Es ist weiters 
auch richtig, daß jeweils mehrere verschiedene Induktionen bei 
verschiedenen Menschen platzgreifen können. Man darf aber 
nicht vergessen, daß der Wahrscheinlichkeitswert von unvoll­ 
ständigen Induktionen bis zur Aufstellung von Naturgesetzen 
führen kann, und daß bei der Verwendung eines so großen In­ 
duktionsmaterials, wie das Recht es bietet (allerdings auch nur 
bei Berücksichtigung des ganzen vorhandenen Rechtsstoffes in 
seinem Zusammenhänge), die Subjektivität des Interpreten wohl 
ziemlich ausgeschlossen wird. Der Ausschluß der Subjektivität
	        
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