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Objekt: Berlin im neunzehnten Jahrhundert, 4

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wagen, Wollsäcken, Balken, umgestürzten Brunnengehäusen be- 
stehend, tüchtige, musterhaft gebaute Barrikaden. Haus an Haus 
werden die Dächer abgedeckt, oben am schwindelnden Nand stehen 
die Menschen, mit Ziegeln in der Hand, die Soldaten erwartend. 
Die bedrohten Schwertseger werfen ihre Waffen zu den Thüren 
hinaus; Alles ist bewaffnet mit Mistgabeln, Schwertern, Lanzen, 
Pistolen, Planken; die Knaben dringen in die Häuser, um große 
Körbe mit Steinen auf die Dächer zu tragen. Man will auch 
das Stadtgerichtsgebäude stürmen, um von den Fenstern aus eine 
Position zum Hineinwerfen zu gewinnen; da schreiben mehrere 
Herren aus dem Kronprinzen mit Kreide an die Läden des 
Stadtgerichts: Bürgereigenthum — und man zieht sich 
zurück. Die Schuldgefangenen, die Einwohner des sogenannten 
„Ochsenkopfes" werden in Freiheit gesetzt, ein Versuch, der 
Wachen im Lagerhause und im Kadettenhaus sich zu bemächtigen 
mißlingt. Nun kommt ein merkwürdiger Zug vom Alexander- 
platz herab. Vorn ein junger Ulan, augenscheinlich ein Pole, 
mit polnischer Mütze und mit dem Degen in der Hand; er rust: 
es lebe die Freiheit! Dann ein Trommler, dann mehrere Fahnen- 
träger mit rothen und gelben Fahnen, dann etwa 200 Leute mit 
Degen, Pallaschen, Schuppen, Pistolen, Aexten, Mistgabeln. Die 
Fahnen — meistens rothe, aus Zufall — werden auf die Barri- 
kaden gepflanzt, die Leute verschanzen sich hinter^denselben, an 
den Fenstern, auf den Dächern sind Männer mit steinen postirt. 
Da kommt die Nachricht, die ganze Stadt sei verbarrikadirt, sie 
habe sich wie Ein Mann erhoben. Zwischen 4 und 5 Uhr 
Prasselt die erste Kanätsche von der Kurfürstenbrücke aus die 
Königsstraße hinab, sie vermag die Barrikaden nicht zu zerstören. 
Kanonendonner folgt Schlag auf Schlag; die Barrikaden sind er- 
schüttert; zerrissene Leichen liegen an den Straßenecken. Zwischen 
5 und 6 Uhr kommen Jnsanteriepikets. Man schießt auf sie 
aus den Fenstern, man schleudert Steine auf sie von den Dächern. 
Ein furchtbares Gemetzel beginnt; die Soldaten nehmen die Häu- 
ser. aus welchen geschossen und geworfen wird, einzeln ein, viele 
Opfer fallen, von den Soldaten im Ganzen wenige. Aus den 
Gaststuben namentlich wird geschossen und eine schwere Gegen- 
wehr trifft sie. Die Soldaten dringen in die Zimmer und 
tödten die Schießenden, sie Postiren sich an die Fenster in den
	        
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