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Volltext: Zeitschrift für Ethnologie, 41.1909

MW 
Religionsformen der Pangwe. 9 
leben, um zu sterben, daher sterben wir — im Schauspiel —, um zu 
leben. Zweitens: Symbolische Einführung in den Geschlechtsverkehr, 
analog durch Verbot geschlechtlich zu verkehren. Den Tod, den Nsambe 
oder die Natur verhängt hat, lässt man im Schauspiel über sich ergehen, 
um in Wirklichkeit nicht zu sterben, den Geschlechtsverkehr, den 
Nsambe verboten hat, verbietet man, um in Wirklichkeit geschlechtlich 
verkehren zu können. Drittens: Verwendung der Kulte als Hilfsmittel 
gegen böse Einflüsse von seiten der Menschen, also gegen Zauberei, und 
zwar der jüngeren, guten Kulte, die also ein suziales Element in sich 
tragen. Beachtenswert ist dabei auch, dass je jünger die Kulte sind, sie 
desto plastischer dargestellt werden; während beim Sso meist überhaupt 
keine Figur auftritt, ist der Ngi eine lebensvolle, fast menschliche greif- 
bare Gestalt. 
Meine Herren! Sie sehen, dass dieses Schauspiel ein grossartigeres 
ist, wie sie je auf einer Bühne Europas dargestellt wurde, ein gewaltiges 
menschliches Ankámpfen gegen Naturgesetze, ein einziger erschütternder 
Protest gegen das Unglück der Menschheit, ganz naiv gesagt, gegen die 
Vertreibung aus dem Paradies. Ich glaube, dass dieses gewaltige Ringen 
der Menschheit mit der Natur keinen Vergleich aushált mit rein sozialen 
Einrichtungen, wie wir sie in den Geheimbünden finden, die meiner 
Meinung nach nur dort entstehen, wo die alten Anschauungen zerfallen. 
Ich könnte Ihnen noch von den Kulten der Weiber erzählen, die wieder 
kämpfen gegen die Unterdrückung und Entheiligung, die der Mann ihnen 
gegenüber ausübt. Die Frauen stellen sich nun als gutes Element dar unter 
dem Bilde des Perlhuhns, das entsprechend dem Hahn der Männer gewählt 
ist, aber ich will mich *beschränken. Ich hoffe, das viele Material über das 
religiöse Leben in einer geschlossenen Monographie über die Pangwe zu 
bringen. Für heute mag das wenige genügen, was ich hier mitteilen durfte. 
Hoffentlich habe ich mich bei diesen für unser Verständnis schwer 
zu begreifenden und durchaus nicht einfachen Anschauungen recht ausge- 
drückt. Wiederholen wir in wenigen Worten das, was das Religions- 
wesen sagen will. Als Grundlage die Auffassung von der umfassenden 
Welt: Abtrennung eines Wesens von jedem Ding, sogar von unsichtbaren, 
mit Ausnahme des einzigen Elementes, das der Pangwe kennt, des Ele- 
mentes, aus dem alles entstanden ist und zu dem alles werden wird, der 
Erde. Dann das System: Teilung der gesamten Natur in böse und gut 
und Kult aller beiden Teile zugleich. Protest gegen die Vergänglichkeit 
des Irdischen, gegen den Tod. 
Das ist die Beurteilung der Religion der Pangwe aus der Seele des 
Volkes selbst heraus, eine Beurteilung von einem höheren Standpunkte, 
der nicht an äusseren Abzeichen und uns fremdartigen Darstellungen ab- 
strakter Begriffe klebt. Und wenn es mir da gelungen sein sollte, Ihnen 
einen rechten Begriff von der inneren Überzeugung, von der Religion der 
Pangwe gegeben zu haben, so wäre das für mich ein schöner Erfolg dieses 
Abends nicht nur, sondern auch meiner ganzen Arbeit in Afrika und 
meines Strebens, das Gemütsleben eines anderen Volkes zu verstehen und 
gerecht zu beurteilen 
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AQ
	        
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