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Volltext: Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte, 48.1915

— 4 es sich mit dem Grundwasser. In der Tiefsee konnte dagegen Fürst Albert von Monaco noch in 3000 m Tiefe Bakterien in Schlamm und Wasser nach weisen. Die Spaltpilze der Höhenluft und Höhenorte, besonders auch ihr Vorkommen in den Polargegenden, in- und außerhalb des Tierkörpers, sind Gegenstand eingehender Forschungen geworden. Gerade der Keimgehalt der Polartiere erweckte das besondere Interesse der Bakteriologen, weil man aus dem Fehlen oder Vorkommen der Darm­ bakterien bei diesen wichtige praktische Schlußfolgerungen über die Notwendigkeit der Darmbakterien überhaupt glaubte ziehen zu können. Nach den Berichten von Levin fand Ny ström, der im Jahre 1868 mit der Sofia eine Expedition nach Spitzbergen mitmachte, daß die Luft in den Polargegenden viel weniger Keime enthielt als in Europa. Glaskolben mit Nährlösungen, die er offen an die Luft stellte, gingen erst sehr spät in Gärung und Fäulnis über; Bl es sing, der Nausen auf seinen Polarfahrten begleitete, fand 1897 bei bakteriologischen Luft­ untersuchungen überhaupt keine Keime, während in den durch Eisschmelze ent­ stehenden Wasseransammlungen in Vertiefungen von Eisbergen Bakterien nachgewiesen wurden. In zahlreichen Luftproben, die von Nathorst bei einer antarktischen Expedition bakteriologisch geprüft wurden, fanden sich trotz Verwendung großer Luft­ mengen — bis zu 20000 Litern — nur einmal Bakterien und zweimal Hefezellen. Im Meerwasser der Antarktis wurden pro 10 cbm nur ein Keim gefunden, während an der schwedischen Küste in einem ccm 300 und in der Seine bei Paris 600000 Spaltpilze festgestellt werden konnten. Entsprechend dem Keimgehalt des Meerwassers erwies sich in Nystroms Unter­ suchungen der Darminhalt aller niederen Seewassertiere fast in allen Fällen keim­ haltig. Auffallend erscheint, daß im Gegensatz hierzu im Darm von Eisbär, Robben, Haifisch, Eidergans, Pinguin und selbst von Krabben, Aktinien und Seeigeln fast nie­ mals Keime angetroffen wurden. Von allen untersuchten Vogelarten war nur der Darm einer Möwenart mit Bakterien besiedelt. Während eines dreijährigen Aufenthaltes in Spitzbergen hat Nordenskiöld bei keinem der Teilnehmer an der Expedition Diarrhöen, Fieber, Katarrhe oder ähnliche Krankheitserscheinungen auftreten sehen. Diese Tatsache führt er wohl mit Recht auf das Fehlen krankmachender Spaltpilze in der dortigen Gegend zurück, denn der jähe Temperaturwechsel, dem die Mannschaft häufig ausgesetzt war, hätte sonst öfters wenigstens zu Erkältungskrankheiten führen müssen. Eine weitere klinische Erschei­ nung, von der Nathorst berichtet, kann nach meinen Versuchsergebnissen auch durch das Fehlen von Bakterien erklärt werden (vergl. S. 61 u. 62). Er sah wiederholt, daß Wunden an Händen und Füßen einen sehr langsamen und verzögerten Heilungsverlauf nahmen und meint, diese schlechte Wundheilung werde durch die Wirkung des Salzwassers hervorgerufen. Im Gegensatz zu den bisher erwähnten Berichten hat Charkot bei seinen Unter­ suchungen gelegentlich einer französischen, antarktischen Expedition 1905 den Darm von Robben, Pinguinen, Möwen, Kormoranen usw. sowie auch verschiedener Fischarten meist keimhaltig gefunden. -r V n, J J -A
51913 untersuchte Hesse auf einer Fahrt nach Island, Spitzbergen usw. den Darm von Polartieren auf Keimgehalt und fand die Ingesta von einer Eiderente, einer Lumme und einer Schnepfe keimfrei, während im Dünndarm einer zweiten Schnepfe ein wohl­ charakterisiertes Doppelstäbchen vorhanden war. Solange keine einwandsfreien umfangreichen Nachuntersuchungen über den Bakteriengehalt der Tierwelt in den Polargegenden vorliegen, muß man die wider­ sprechenden Befunde als Tatsache hinnehmen. Eine einleuchtende Erklärung erscheint zurzeit für die Differenzen unmöglich und ebensowenig ist es angängig, aus so wenig geklärten Befunden Schlüsse auf die unmittelbare Notwendigkeit oder Entbehrlichkeit von Spaltpilzen für das Leben höherer Tiere und des Menschen zu ziehen. Auch die Untersuchungen (von Metschnikoff und seinen Schülern) über die Bak­ terienflora im Darm von Tieren der gemäßigten und warmen Zonen bringen nach meiner Ansicht keinen genügenden Aufschluß. Als wichtigster und von Metschnikoff hochbewerteter Befund seien hier zunächst die Untersuchungen über den Keimgehalt der in Indien lebenden Augenfledermaus erwähnt. Dieses Tier besitzt keinen eigentlichen Dickdarm; jedenfalls findet in der dem Dickdarm der Säuger entsprechenden Darmpartie kein längeres Verweilen der Ingesta statt. Der Darmkanal und selbst die Mundhöhle enthalten nur ganz ver­ einzelte Keime, deren Art mit der aufgenommenen Nahrung wechselt. Das Tier nützt seine Nahrung schlecht aus und ist daher auf sehr häufige Nahrungsaufnahme ange­ wiesen. Ein Fütterungsversuch mit Prodigiosus ließ diese Keime schon nach drei Stunden in den Faeces erscheinen, in weiteren 2 — 8 Stunden fand schon keine Aus­ scheidung mehr statt. Die Autoren erblicken darin eine mechanische Reinigung des Darmes von den verfütterten Bakterien. Wurde die Augenfledermaus einer Hungerkur unterworfen, so wurden mit den während dieser Zeit gebildeten Darmsekreten reichlich Bakterien entleert. Metschnikoff und seine Mitarbeiter schließen aus den Erhebungen bei der Augenfledermaus, daß allgemein „das tierische Leben ohne Bakterien mög­ lich sei“. Man kann sich bei dieser weitgehenden Schlußfolgerung des Gedankens nicht erwehren, daß in Ermangelung von besserem Tatsachenmaterial dem gewiß interessanten Befund eine zu große Bedeutung beigelegt wird, um eine vorgefaßte Meinung zu stützen. Von einem keimhaltigen Tier darf auf die Möglichkeit keimfreien Lebens anderer Tiere nicht geschlossen werden. An der Möglichkeit keimfreien Lebens über­ haupt ist gar kein Zweifel möglich, denn es sind unter natürlichen Bedingungen asep­ tisch lebende niedere Tiere bereits von Portier 1906 nachgewiesen. Selbst die keim­ lose Existenzmöglichkeit höherer Tiere abzulehnen, liegt kein stichhaltiger Grund vor, wenn auch bis dahin ein solcher Befund noch nicht erhoben worden ist. Es handelt sich in Wirklichkeit immer darum, ob das Leben höherer Tiere durch Dafmbakterien gefördert oder geschädigt wird. Für die Beantwortung dieser praktischen Frage ist aber die keimarme Verdauung der Augenfledermaus nur in beschränktem Maße brauch­ bar. Es wurde nicht festgestellt, inwiefern die vorhandenen Keime die Verdauung beeinflussen. Will man die Tatsache des spärlichen Vorkommens bei hinreichender Ernährung dahin auslegen, daß sie bei ihrer geringen Anzahl an der Umsetzung der
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