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Volltext: Anthropos, 68.1973

Das Wasser in Kult und Glauben der vorgeschichtlichen Menschen 
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Mit diesen hängen sichtlich wiederum gefäßgestaltige Figuren zusammen. 
Bei Kökenydomb, Ungarn, wurden auf dem Fußboden eines verwüsteten 
Hauses einmal neben einer Feuerstelle zwei Gefäße vorgefunden, die sitzende 
Frauen nachahmen. Zwei weitere beschädigte Gefäße waren in der Form 
gebung vermutlich ganz gleich. Das best erhaltene Stück, 23 cm hoch, zeigt 
eine Frau auf einem Stuhl; Brust und Arme, der obere Rücken, die Unter 
schenkel und ein Teil des Gesäßes sind unverziert, während den übrigen 
Körper Zickzacklinien, Dreieckmuster und Strichlinien einem Kleide gleich 
zieren. Roter Ocker füllte die eingetieften Verzierungen. Der Kopf fehlt, und 
nichts deutet unter den Bruchstücken darauf hin, daß einmal ein Gesicht vor 
handen gewesen wäre (Fettich 1958: 122; Banner 1959: 31). Das andere 
Gefäß, 33 cm hoch, zeigt sich viel stärker beschädigt und auch ohne Bemalung. 
J. Banner (1959: 19-23) schließt daraus, daß es noch unfertig war. Bei ihm 
ist am auffallendsten ein symmetrisch angebrachtes Kamm-Muster, über dem 
eine stilisierte menschliche Figur dargestellt ist. 
Andere gefäßgestaltige Figuren aus Ungarn sind die „Venus von Öcsöd“, 
11 cm hoch, mit breitem Mund, Ausguß und mit Aufhängeösen an Stelle der 
Ohren; eine andere von Räköczifalva, 14 cm hoch, mit durchbohrten Auf 
hängeknubben am Halsansatz, und eine dritte von Hödmezöväsärhely, 
9,5 cm hoch, abermals von gleicher Form, aber ohne Aufhängevorrichtung 5 . 
Auch aus Rumänien, von Vidra, ist ein Exemplar bekannt, dessen ganzer 
Körper bis zu den Füßen hinab reich ritzverziert ist. Nur die Brüste und 
Arme sind plastisch. Letztere sind bogenförmig mit vor der Brust liegenden 
Händen gestaltet, so daß zwischen Körper und Armen natürliche Aufhänge 
ösen sich ergaben. Ein Kopf ist nicht vorhanden, der Hals bildet den Gefäß 
rand (Dumitrescu 1937: Taf. V). 
Diese gefäßtragenden und gefäßgestaltigen Figuren standen nach 
J. Banner (1959: 23) alle im Dienst des Fruchtbarkeitskultes oder dienten 
zur Aufnahme von Trankspenden. Statt des „oder" dürfte ein „sowohl als 
auch“ gewiß zutreffender sein. Sie waren sowohl Kultgerät als auch Kult 
objekt, Idol. Bezeichnenderweise handelt es sich bei ihnen immer um weib 
liche Gestalten. 
Aus Funden wissen wir zwar nicht, womit diese Kultgefäße gefüllt 
wurden und zuletzt gefüllt waren. Die Annahme liegt aber nahe, daß es Wasser 
war, das in der damaligen bäuerlichen Welt sehr wohl als ein Symbol der 
Fruchtbarkeit und des Lebens gegolten haben mag. 
Wassersymbole: Wellen-Zickzack-, Kamm- und M/W-Muster 
Diese auf neolithischer Keramik öfters erscheinenden Zeichen werden 
vornehmlich von H. Kühn (zuletzt 1966) in vielen seiner Schriften als Sym 
bole des Wassers, besonders des Regens interpretiert. Gewiß bedeutete Wasser, 
namentlich in der Form des himmlischen Regens, in allen neolithischen bäuer- 
5 Naturhistorisches Museum Wien 1972: Taf. 1, 2 u. 3.
	        
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