Konventionelles, gar nicht zum Einzelmenschen als Besitztum Gehöriges erkannt und
als einzige Wirklichkeit beim jeweiligen Sprechen nur die lauterzeugenden Bewegungen
der Sprachwerkzeuge aufgedeckt zu haben. Trauen wir ja doch auch seit Klages9)
den Zügen der Schrift eines Menschen, d. h. den unmittelbar aus dem Zentrum des
Seelischen kommenden Bewegungen der Hand mehr als den dargestellten Worten,
zu denen der Schreiber vielleicht sehr wenige Beziehungen hat. Schon oben wurde
der Film als symptomatisches Zeichen der Zeit erwähnt. Es sei sedoch auch in diesem
Zusammenhang darauf hingewiesen, daß die Bedeutung des Films nur darin liegt,
daß er bewußt auf das Ausdrucksmittel der Sprache verzichtet und sich lediglich der
Bewegungsexrpression des ganzen Menschen bedient und durch sie das Leben zu meistern
oersucht. Daß ihm das tatsächlich gelingt, daß der Film die Sprache der Zeit trotz
allen Kitsches gefunden hat, beweist seine außerordentliche BVerbreitung. Es ist wirk⸗
lich so: Man hatte die Reflexion und Rhetorik des Sprechdramas, die Posen und
mimischen Unzulänglichkeiten wohlbeleibter Heldentenöre und hochbusiger Germanen—
jungfrauen, die ganze gestellte Statisterie der Schaubühne satt. Unsere ganz auf Be—
wegung, auf Schnelligkeit, auf sieghafte Uberwindung von Zeit und Raum eingestellte
Zeit wollte wieder handelnde, gestikulierende, mitten in der bunten Welt des Lebens
bewegte Menschen, wollte das zappelnde, pulsierende Leben selbst sehen und seinen
herschütteten Quellen nahe sein.
Schönheit des Lebendigen ist Schönheit des organisch Bewegten.
Alles organisch Bewegte ist aber zugleich schön. Das Wort „häßlich“ hat eigent—
lich nur in bezug auf den Menschen einen Sinn, d. h. es ist sinnlos, in der organischen
Natur irgend etwas — etwa ein unserem Geschmack nicht zusagendes Tier — häßlich
zu finden. Unschön und häßlich aber sind die Bewegungen eines Menschen, der steif
wie ein Ladestock einherstolziert — nicht aber Storch und Marabu! — der ungeschickt
und linkisch zugreift, der sich bückt und streckt wie ein auf und zu geklapptes Taschen⸗
messer. Unschön und häßlich sind alle die Leute, die vor lauter Geschäften keine Zeit
haben, einmal langsam zu gehen, häßlich sind alle, die sich vor irgend etwas dauernd
zu ducken haben, die den Kopf zwischen die Schultern ziehen, häßlich sind alle Wohl—
beleibten beiderlei Geschlechts, alle Dünnbeinigen und Engbrüstigen und Muskelschwachen,
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Hand des Künstlers das Häßliche geadelt hat (CKäthe Kollwitz), da war es immer der
tiefe, segnende Blick des Mitleids, der Stift oder Pinsel führte und hinter der tod—
geweihten Welt noch den heimlichen Triumph des Lebens zu schauen vermochte. Der
Strom des körperlichen Elends und der Häßlichkeit, der an uns vorüberflutet, wenn
wir uns bei Arbeitsschluß vor dem Tore einer großen, großstädtischen Fabrik aufstellen,
ist eine schwere, ja die furchtbarste Anklage der Zeit. Was diese Menschen in steter
Fron an der Waschine geworden und wie sie in Gang, Haltung, Kleidung, Sprache,
in ihrem ganzen körperlichen Leben verkümmert sind, das läßt sich durch nichts rechte
fertigen.
Tiere und Pflanzen, die wir hegen und züchten — das eben und nichts anderes ist
Erziehung zur Xasse betrachten wir mit Selbstverständlichkeit in ihrer Gesamterschei⸗
—
Schönheit erhalten.
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M
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