— N —
Wer ist nicht versucht, an der Vernunft eines großen Theils
des Volkes zu verzweifeln, wenn er von den Ablapsesten hort, weche
am Rhein und an der Mosel umherziehende Jesuiten veranstalten,
zu denen das Volk von allen Seiten herbeiströmt, und auf denen
in der Regel nichts gedeiht als der blinde Fanatismus, der Aberalaube
und die Lüderlichkeit.
Was soll man dazu sagen, daß 334 Jahre, nachdem Luther
aeqen den Ablaßkram gepredigt, wieder hundert- und mehrjähriger
Ablaß und im sogenannten Hauptsitze des Protestantismus ein Jubelablaß
verkündet wird? Von vielen Seiten berichten die Priesteroraane
von neuen Wundern und Mirakeln. Bald soll hier ein
Marienbild bald dort eine Heiligenstatue Blut geschwitzt haben.
Auf den Hang Vieler zum Phantastischen und auf die Schaulust
der Gaffer wissen die Priester trefflich zu spekuliren, wie denn ihr
aanzes System nur auf der Schwäche des Menschen beruht.
Auf welche Weise sie in den Besitz von solch bedeutenden
Geldmitteln gelangen, mittels deren sie sich Freunde und Bertheidiger
zu verschaffen und die Länder mit geistlichen Instituten zu
überschwemmen vermögen, das deutet die jetzt in England so vie
besprochene Geschichte von der reichen neunzehnjährigen Erbin an,
die man zu beschwatzen suchte, den Nonnenschleier zu nehmen, damit
die Kirche, d. i. die Geistlichkeit, in Besitz ihres aus eurer halben
Million bestehenden Vermögens gelänge. Gewalt, wenn selbige
nur zum Zwecke führt und sich ihnen darbietet, verschmähen sie keineswegs
Auf welche Regierungen sie Einfluß haben, da rathen
sie wenn sie kein erfolgreicheres Mittel wissen, immer zur Gewal,
zu" rücksichtsloser Grausamkeit und blutiger Strenge. Pius V.
schickte eine kleine Armee über die Alpen mit der Weisung jeden
Hugenotten zu tödten, keinen Pardon zu geben.*) Man denke nur
an die Pariser Bluthochzeit! Wo soll ich anfangen, wo enden,
um nur die empörendsten Belege hierfür anzugeben^Wir brauchen
zu diesem Zwecke gar nicht die Geschichte früherer Jahrhunderte zu
durchblättern, Beweise dafür bietet aus der neuen Zeit die Restauration
in Spanien, Frankreich und Italien. Hat nicht ein Haupt
der Ultramontanen Frankreichs die.Frechheit gehabt, von ^thwendigkeit
eines bewaffneten Kreuzzugs im Innern des Landes zu
sprechen? Wo eine Regierung unterdrückungssuchtig ist und aus
pfäfsische Plane eingeht, da sind sie unerschöpflich mit Zeichen der
Ergebenheit, da empfehlen sie Gehorsam gegen die von Gott eingesetzte
Obrigkeit, da reden sie mit Abscheu von jeder Art von Auflehnung.
Wo aber eine Regierung auf ihre Plane nicht eingeht,
oder wohl gar selbige durchkreuzt, da sind sie die ersten Revolu-*)
Ranke. Geschichte der Päbste, Bd. Hl.