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Full Text : Das Denken der Naturvölker

U

II. Kapitel. Das Gesetz der Partizipation.

TIL.

Es geschieht kaum jemals im geistigen Leben der Primitiven,
daß sich die Kollektivvorstellungen isoliert, bloß für sich selbst darstellen,
 außerhalb der Beziehungen, in die sie meistens verwickelt
sind. Der ihnen wesentliche mystische Charakter bringt notwendigerweise
 ebenfalls mystische Beziehungen zwischen ihren verschiedenen
Gegenständen mit sich. Man könnte daher sozusagen a priori annehmen,
daß das Gesetz der Partizipation, das bei der Bildung der Kollektivvorstellungen
 vorwaltet, auch die Verbindungen, die sich zwischen
ihnen anknüpfen, beherrscht. Um diesen Schluß zu bestätigen, wird
es genügen, nachzuforschen, wie im prälogischen Geisteszustand die
Wesen und Gegenstände untereinander wirklich in Beziehung gebracht
werden.
In erster Linie wird die Existenz der sozialen Gruppen selbst
in ihrem Verhältnis zu der Existenz der Individuen, die sie bilden,
meistens als eine Partizipation, als eine Kommunion oder richtiger
 als ein Komplex von Partizipationen und von Kommunionen
vorgestellt (und gleichzeitig mit der Vorstellung auch gefühlt).
Dieser Zug erscheint mehr oder weniger deutlich in allem primitiven
Gesellschaften,. über die wir Berichte haben, welche nur ein wenig
detailliert und glaubwürdig sind. Er ist durch die beiden Arbeiten
von Spencer und Gillen in volles Licht gesetzt worden. Bei den
Aruntas ist jedes Individuum .die Wiederverkörperung eines Ahnen
aus dem Alcheringa-Zeitalter (mythische Periode) oder des Teilgeistes
 eines Tieres des Alcheringa... Von dem. Totem jedes
Menschen glaubt man, daß es dasselbe ist, wie er selbst. Andrerseits
meint man, daß jede totemische Gruppe unmittelbar bewirken kann, daß
die Pflanze oder das Tier, deren Namen sie trägt, im Uberfluß vorhanden
ist.1) Schließlich ist jeder Totem an eine Örtlichkeit, an einen Raum,
dessen Grenzen wohlumschrieben sind und der immer durch die
Geister der totemischen Vorfahren besetzt ist, in mystischer Weise
gebunden.,?)
Die Kollektivvorstellung ist in diesem Punkte derjenigen ganz
ähnlich, über die von den Steinen so erstaunt war, als die Bororö ihm
ganz kalt sagten, sie seien Araras und die Trumai, sie seien Wassertiere.,
 Jedes Individuum ist zugleich dieser oder jener Mann, dieses oder
jenes Weib, die tatsächlich am Leben sind, jener menschliche oder halbmenschliche
 Vorfahre, der zur sagenhaften Zeit des Alcheringa gelebt
hat, und zugleich ist es sein Totem, d. h. es nimmt in mystischer
Weise an der Wesenheit der Pflanzen- oder der Tierart, .deren Namen es
trägt, teil. Das Verbum »sein« (das übrigens in den meisten Sprachen
der niedrigen Gesellschaften fehlt) hat nicht den gewöhnlichen Sinn
der Kopula wie in den Sprachen, die wir sprechen. Es bedeutet etwas

1) The native tribes of central Australia. P. 202—204,
?) Ibid., p. 303, 544.
            
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