78 IL. Kapitel. Das Gesetz der Partizipation.
wirkung, Ansteckung, Beschmutzung, Besessenheit, mit einem Wort durch
zahlreiche Operationen, die einen Gegenstand oder ein Wesen augenblicklich
oder nach einer kürzeren oder längeren Zeit an einer gegebenen
besonderen Eigenschaft partizipieren lassen — die ihn zum
Beispiel am Beginn oder am Ende einer Zeremonie heiligen, beziehungsweise
entheiligen.!) Ich werde weiter unten, bloß vom formalen
Gesichtspunkt aus und zum Zweck der Darlegung des Spieles des
prälogischen Geistesmechanismus, eine gewisse Anzahl von magischen
oder religiösen Gebräuchen zu untersuchen haben, die sich von diesen
Vorstellungen herleiten; es wird sich erweisen, daß sie von dem
Glauben an eine Partizipation inspiriert worden sind und in diesem
Glauben festgehalten werden. Das ist bei den Glaubensmeinungen der
Fall, welche die verschiedenen Arten von Tabu betreffen.
Wenn ein Australier oder Neuseeländer, durch den Gedanken
entsetzt, ein ihm verbotenes Nahrungsmittel gegessen zu haben, ohne
es gewußt zu haben, infolge dieser Übertretung des Tabu stirbt, so
kommt dies daher, daß er den Einfluß eines tödlichen Giftes spürt,
welches er offenbar zugleich mit dem Nahrungsmittel zu sich genommen
hat und gegen das mit Erfolg anzukämpfen aussichtslos ist.
Das Nahrungsmittel hatte diese ‚seine zerstörende Macht selbst schon
einer Partizipation verdankt, wenn es beispielsweise die Reste vom
Mahle eines‘ Häuptlings waren, die ein gewöhnlicher Mensch zw
seinem Unglück unachtsam verzehrt hatte.
Gleiche Vorstellungen liegen dem allgemeinen Glauben zugrunde,
daß gewisse Menschen Tiere werden, wenn sie deren Fell
anziehen (Tiger, Wolf, Bär ete.). In dieser Vorstellung ist bei den
Primitiven alles mystisch. Sie kümmern sich nicht darum, zu wissen,
ob der Mensch, um Tiger zu werden, aufhört, Mensch zu,sein, und
dann, um wieder Mensch zu werden, aufhört, Tiger zu sein. Was sie
interessiert, ist die wunderbare mystische Eigenschaft, die diese Individuen
unter bestimmten Bedingungen zugleich am Tiger und am.
Menschen teilnahmsfähig (partieipable nach einem Ausdruck von.
Malebranche) und infolgedessen furchtbarer macht als die Menschen,
die immer nur Menschen, und die Tiger, die immer nur Tiger sind.
»Wie?!« sagte der gute Dobrizhoffer zu den Abiponen, »ihr
tötet alle Tage furchtlos die Tiger in der Ebene — wie kommt es.
dann, daß ihr angesichts eines falschen, bloß nachgemachten Tigers
innerhalb des Dorfes von Angst ergriffen werdet und euch wie Feiglinge
benehmt?« — Woraufhin die Abiponen lächelnd antworteten:
»Ihr versteht nichts, ihr anderen Väter, von diesen Sachen. Wir haben
keine Furcht vor den Tigern in der Ebene und wir töten sie, weil
wir sie sehen können. Aber die künstlichen Tiger, ja, vor denen
fürchten wir uns, weil sie von uns weder gesehen noch getötet werden
66 2,0 Hubert et Mauss, Melanges d’histoire des religions. P. 22—32,
p. 66—71.