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Full Text : Das Denken der Naturvölker

88 III. Kapitel. Die prälogischen Operationen.

Bedenken annehmen, daß das Gedächtnis hier dieselben Funktionen wie
in unserer Gesellschaft hat, zeigen sie sich darüber erstaunt und. verblüfft.
 Schon wenn es nur in gewöhnlicher Ausübung begriffen ist,
scheint es ihnen Kraftleistungen zu vollbringen. »Ihr Gedächtnis ist
in jeder Beziehung phänomenal«, sagen Spencer und Güllen von den
Australiern.!) Nicht nur erkennt ein Eingeborener die Spur jedes Tieres und
jedes Vogels, sondern er wird nach Prüfung eines Dachshundes später
einmal bei Gelegenheit aus der Richtung der Spuren erraten können, ob
das Tier dort ist oder nicht... Der Eingeborene wird die Fußstapfen
irgend eines Individuums seiner Bekanntschaft erkennen, so außerordentlich
 dies auch erscheinen mag. Dieses wunderbare Gedächtnis war
schon durch die ersten Erforscher Australiens bekannt gemacht worden.
So erzählt uns Grey, daß drei Diebe durch ihre Fußspuren entlarvt worden
sind. »Ich nahm einen intelligenten Eingeborenen namens Moyee-e-nan
mit mir, und von ihm begleitet, besuchte ich den Garten, aus dem
die Kartoffeln gestohlen worden waren. Er sah da die Tritte dreier
Eingeborener. Indem er nun von der Fähigkeit, die dort die Leute
auszeichnet (zu sagen, wer, nach den hinterlassenen Abdrücken, da
war), Gebrauch machte, teilte er mir mit, daß die drei Diebe die zwei
Frauen eines Kingeborenen ... und ein kleiner Knabe. namens
Dal-be-an seien.«?) Zyre bewundert »die bis ins kleinste gehende Bekanntschaft
 mit jeder Ecke und jedem Schlupfwinkel des Landes, das
sie bewohnen; fällt ein Platzregen, so wissen sie, an welcher Stelle
höchstwahrscheinlich etwas Wasser geblieben ist, in welchem Loch
es sich am längsten halten wird... MHat es nachts starken Taufall
gegeben, so wissen sie, wo die längsten Gräser wachsen, die ihnen.
die meisten Tropfen bieten werden ...«?3)
W. E. REoth betont auch die »wunderbare Macht des Gedächtnisses«
 der Eingeborenen N. W. Queenslands. Er hat sie »eine Reihe
von Gesängen rezitieren gehört, deren vollständige Wiedergabe im ganzen
mehr als fünf Nächte erforderte (Molonga Serie der Gebete ‚corrobories‘).
Und die Tatsache erscheint noch fabelhafter, wenn man bedenkt, daß
diese Gesänge in einer Sprache abgefaßt sind, .die denen, welche sie
aufsagen, gänzlich unbekannt ist.... Ein Stamm wird ganze ‚Corrobories‘
 in einer von der seinigen vollkommen verschiedenen Sprache
lernen und auswendig singen, ohne daß irgend jemand, weder von
den Darstellern noch von den Zuhörern, ein einziges Wort davon
versteht. Die Reden werden sehr genau wiedergegeben; ich habe
mich dessen versichert, indem ich dieselben ‚corrobories‘ dort gesammelt
 habe, wo sie von Stämmen, die andere Sprachen hatten
und die mehr als hundert Meilen von den anderen entfernt

!) The native tribes of central Australia. P. 25—26, p. 483,
?) Journals of two expeditions of discovery in N. W. and West Australia.
[I, p. 247,
3) Journals of expeditions of diseovery into central Australia. II, p. 351.
            
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