Die mystische Kraft der Wörter. 149
dies ohne eigentlichen Unterricht, ohne Anstrengung des Verstandes,
bloß gedächtnismäßig. Auch ist er kaum des Fortschrittes fähig. Angenommen,
daß sich das Milieu und die Einrichtungen einer sozialen
Gruppe dieser Art nicht verändern, würde sich, da sich dann auch
der allgemeine Geisteszustand nicht ändern dürfte, der reiche Vorrat von
Begriffsbildern ohne große Variation von Generation zu Generation
forterben. Wenn er sich verändert, so geschieht dies kraft anderer
Veränderungen und meistens ist es dann eine Verarmung seiner Fülle.
Der Fortschritt des abstrakten und begrifflichen Denkens wird
von einer Verminderung des beschreibenden Wort- und Zeichenmaterials
begleitet, das ehemals zum Ausdruck des Denkens, als es konkreter
war, gedient hat. Die indoeuropäischen Sprachen haben sich
sicherlich in diesem Sinn entwickelt. In Britisch-Kolumbien »dienen
an der Küste, wo man einen Artikel masculini und einen feminini
generis gebraucht, dieselben Worte, um Verwandte männlichen oder
weiblichen Geschlechtes zu bezeichnen. Hier (bei den Jalish), wo es
keine grammatikalische Unterscheidung des Geschlechts gibt, sind
verschiedene Termini in Verwendung. Es ist bemerkenswert, daß die
Bilquula, die die grammatikalische Unterscheidung des Geschlechtes
haben, diese Termini wenig unterscheiden. Das legt den Gedanken
nahe, daß die vielfachen, verschiedenen Formen durch die Stämme,
die die grammatikalische Trennung der Geschlechter verwenden, verloren
wurden«.!) Die wachsende Allgemeinheit der Begriffe läßt sie
allmählich die Genauigkeit, die für sie charakteristisch war, als sie.vor
allem Bilder, Zeichnungen und stimmliche Gebärden und dies alles
zugleich waren, ‘verlieren. Zahlreiche Formen, zahlreiche Worte
kommen aus dem Gebrauch, bis sie schließlich verschwinden. > Allmählich«,
sagt Viktor Henry, »verdunkelt sich die Kenntnis dieser unandlichen
Feinheiten, so daß die gegenwärtigen Alöuten ohne Unterschied
eine einzige verbale Form in verschiedener Bedeutung oder
mehrere in einer gleichen gebrauchen und daß ein Eingeborener, den
man um das Motiv fragt, das ihn veranlaßt hat, diese Form und
nicht eine andere zu verwenden, meistens in der größten Verlegenheit
sein wird, um seine Vorliebe zu erklären.«?)
Diese fortschreitende Verarmung, die die Regel ist, zeigt wohl,
daß die besonderen Ausdrücke und die alle Einzelheiten berücksichtigende
Genauigkeit . der Sprache nicht von einer ehemaligen, gewollten
Anstrengung und bewußten Aufmerksamkeit, sondern_einfach
von einer dureh die Ausdrucksweise auferlegten Notwendigkeit herkommen.
Begriffsbilder konnten nur dürch eine Art von Zeichnungen
wiedergegeben oder mitgeteilt werden, sei dies nun durch wirkliche
Gebärden, sei es mittels mündlicher Ausdrucksweise, die als eine Art
von Lautgebärde anzusehen ist, für die uns die »beschreibenden Hilfs-')
Fr. Boas, The N. W. tribes of Canada. Rep. of the British Association
for the advancement of seiences. 1890, p. 690f. , ;
%) V. Henry, Esauisse d’une grammaire raisonnee de la langue alcoute. P. 34.