Die mystische. Kraft der Wörter. 153
sänge und Formeln genügt es, daß die Überlieferung. sie in einer geheiligten
Sprache vererbt hat. So konstatieren Spencer und Giüllen
bei den Stämmen Zentralaustraliens: »Weil die Worte beim Feiern
heiliger Zeremonien gewöhnlich keinen von den Eingeborenen gekannten
Sinn haben: so sind sie wohl, so wie sie sind, von den Vorfahren
des Alcheringa überliefert worden«.') In den mystischen Krzählungen
bemerkt man, daß eines Wechsels der Sprache oft KErwähnung
getan wird. Z. B.: »In dieser Gegend vertauschten die
Achilpa (Vorfahren und Mitglieder des Totems der wilden Katze) ihre
Sprache mit der der Aruntas. ..«?) » Eine andere Abteilung .. . schlug
abseits ihr Lager auf, begab sich hierauf nach Ariltha, wo Sie ihre
Sprache mit der Ilpirra-Sprache vertauschte ...«?) »Im Westen des
Flusses Say vertauschten die Anthippafrauen ihre Sprache mit der
der Aruntas.«4) — Ebenso sind auf den Fidschiinseln, auf den Bankinseln,
in Tanna (Neu-Hebriden), in Neu-Guinea die Gesänge bei den
heiligen Zeremonien für die Sänger unverständlich.)
In ganz Nordamerika finden sich analoge Fälle. Jewitt hat ihr
Bestehen bei den Indianern von Nootka-Sound angezeigt, ohne sie zu
verstehen. »Sie haben«, sagt er, »zahlreiche Gesänge für verschiedene
Gelegenheiten, für den Krieg, für die Walfischjagd, für den gewöhnlichen
Fischfang, für die Hochzeiten, für die Feste ete. Die Sprache
fast aller dieser Gesänge ist von der der gewöhnlichen Unterhaltung in
jeder Hinsicht sehr verschieden; was mich glauben läßt, daß sie entweder
eine verschiedene Sprache für ihre Poesie haben oder ihre
Gesänge von ihren Nachbarn entlehnen.«®) Catlin hat ihren mystischen
Sinn wohl eingesehen. »Jeder Tanz hat seinen eigentümlichen
Schritt und jeder Schritt hat seine Bedeutung; jeder Tanz hat auch
seinen eigentümlichen Gesang und dieser ist oft so verwickelt und
mysteriös, daß von zehn jungen Leuten, die tanzen und singen, nicht
einer seinen Sinn kennt. Bloß den Medizinmännern ist es gestattet,
sie zu verstehen, und man weiht sie selbst in diese Geheimnisse nur
ein durch einen Unterricht, der sehr viel Fleiß und Arbeit erfordert
und für dessen Erteilung man große Honorare verlangt.«?’) — Kin
großer Teil des Ojibwa Rituals ist eine Sprache von altertümlicher
Form, die dem gewöhnlichen Indianer und oft auch vielen Mitgliedern
der geheimen Gesellschaft unverständlich ist. Dieser altertümliche
Text macht natürlich auf die Leute aus dem Volk Eindruck und die
Schamans gefallen sich darin, auf ihn Gewicht zu legen.®) — Bei den
!) The northern tribes of central Australia. P. 286, 462, 460, 606.
?) The native tribes of central Australia. P. 410.
3) Ibid., p. 416.
4) Ibid,, p. 442.
5) Sidney H. Ray, Melanesian and New-Guinea Songs. J. A. I XXVI,
p- 436—545.
8) Jewitt, Adventures and sufferings. P. 97,
7) Catlin, The North Amerians Indian, I, p. 142, II, p. 181.
8) Gatschet, The klamath language. P. 100.