156 VYV. Kapitel. Das Verhältnis der prälogischen Geistesart zur Zählung,
auf eine Weise, die man im Vergleich mit der unsrigen konkret
nennen kann.
‚Da wir mittels der Zahlen zählen und kaum auf irgend eine
andere Weise, hat man angenommen, daß es in den niedrigen Gesellschaften,
die kein Zahlwort über drei hinaus haben, unmöglich
wäre, weiter zu zählen. Aber muß man es als unzweifelhaft erwiesen
erachten, daß die Erfassung einer bestimmten Mehrheit von Gegenständen
nur auf eine Methode stattfinden kann? Ist es nicht möglich,
daß die Geistesart der niedrigen Gesellschaften ihre eigenen Operationen
und Verfahrei hat, um das Ziel, zu dem wir durch . unsere
Zählung gelangen, zu erreichen? Tatsächlich wird der Primitive eine
fest begrenzte und genügend beschränkte Gruppe von Wesen oder
Gegenständen, sofern ihn diese nur irgendwie interessiert, mit allem,
was für sie charakteristisch ist, festhalten. In der Vorstellung, die er
davon hat, wird die genaue Summe ‚dieser Wesen oder Gegenstände
implieite enthalten sein; es ist dies gleichsam eine Qualität, durch die
sich diese Menge von einer anderen Menge unterscheidet, die um ein Ding
oder um einige größer wäre als jene, und auch von einer solchen, die
um einen Gegenstand oder um einige kleiner wäre als jene. Infolgedessen
weiß der Primitive im selben Augenblick, da ihm die Menge
(Gruppe) wieder vor Augen kommt, ob sie so vollständig oder ob sie
geringer oder größer ist als vorher.
Schon bei einigen Tieren hat man in sehr einfachen Fällen eine
Fähigkeit von der gleichen Art festgestellt.') Es kommt vor, daß ein
Haustier, ein Hund, Affe oder Elefant das Verschwinden eines Gegenstandes
aus einer bestimmten, ihm vertrauten Gesamtheit gewahr wird.
Bei einer gewissen Zahl von Tierspezies beweist die Mutter durch unzweideutige
Zeichen, daß sie weiß, ob ihr eines oder mehrere ihrer Kleinen
weggenommen worden sind. Erinnert man sich nun daran, daß näch den
Aussagen der meisten Forschungsreisenden das Gedächtnis der Primitiven
»phänomenal« ist (nach dem Ausdruck von Spencer und Gillen),
‚an Wunder grenzt« (Charlevoix), so wird man mit um so mehr
Grund einsehen, daß sie bequem der Zahlworte (noms de nombre)
entbehren können; "jedes Ganze, das für sie von Wichtigkeit ist, wird von
ihnen — wenn man dabei die Hilfe, die ihnen die Gewohnheit leistet,
mit in Erwägung zieht — mit derselben Genauigkeit behalten, mit der
sie die Spur dieses oder jenes Tieres, dieser oder jener Person unfehlbar
wiedererkennen. Fehlt etwas an einer dieser Gesamtheiten, so bemerken
sie es allsogleich. In dieser so treu aufbewahrten Vorstellung ist die
Zahl der Gegenstände oder der Wesen nicht differenziert: nichts gibt
den Anstoß. dazu, sie. besonders auszudrücken. Sie wird um nichts
weniger qualitativ wahrgenommen oder, wenn man diesen Ausdruck
vorzieht, gefühlt als der übrige Vorstellungsinhalt.
Dobritzhoffer hat diese Tatsache bei den Abiponen ins hellste
Licht gerückt. Diese weigern sich, so zu zählen wie wir, d.h. mittels
1) Ch. Leroy, Lettres sur les animaux, Edit. de 1896, p. 123.